Rezension:
In der Regel fangen Märchen mit „Es war einmal“ an. Die kleinen Geschichten, die Wim Wenders in „Einmal“ zusammen getragen hat, sind keine Märchen, jedenfalls nicht im landläufigen Sinn. Zu lakonisch kommen die Texte daher, welche die Photos begleiten, die Wenders auf seinen Reisen rund um die Welt geschossen hat – immer auf dem Weg zu neuen Drehorten oder auf der Suche nach Locations.
44 Texte, die allesamt autobiographischem Ursprungs sind und in rhythmischer Prosa wiedergegeben werden, sind auf 272 Seiten mit 225 zum Teil farbigen Abbildungen in „Einmal“ für alle Bewunderer von Wender festgehalten worden. Seine Erinnerungen an flüchtig wahrgenommene Begegnungen, Personen und Ereignisse hielt Wenders in bewegenden und oft kargen, aber dennoch gefühlvollen Texten fest. Für Wenders war in seinen filmischen Werken immer die Poesie des Sehens und die Melodie der Sprache maßgeblich und diese Eigenschaften kann man auch in seinen Büchern finden. Gewidmet ist das Buch Yuhara Atsuta, einem Kameramann, der mit dem Regisseur Yasujiro Ozu 20 Jahre lang zusammen gearbeitet hat. Das Porträt von Atsuta, welches „Einmal“ eröffnet, zeigt Wenders Fähigkeit, die Essenz dessen, was sich auf einem menschlichen Gesicht abspielt, beinahe meisterhaft einzufangen. Von dem Porträt geht eine eigentümliche Ruhe und Erhabenheit aus, wie sie nur Menschen vorbehalten ist, deren Leben in ihren Augen einen Sinn hatte.
Wenders philosophiert über das Photographieren als einen Akt der Zeit, dokumentiert in beinah surrealen Fotos das Schicksal und Elend der Aboriginals, bietet aber auch konkrete Einblicke in seine Begegnungen mit anderen Filmschaffenden. Wie selbstverständlich erzählt er davon, dass er Martin Scorsese und dessen Frau nach einer Autopanne in seinem Wagen mitgenommen hat. Bei der Beschreibung solcher Ereignisse schreibt Wenders ganz schlicht, beinahe naiv, doch in Wirklichkeit berichtet er nur über das, was wirklich geschehen ist und was er dabei empfunden hat ohne aufgesetzte Starallüren.
„Einmal“ ist auch für Nicht-Cineasten eine beeindruckende und empfehlenswerte Sammlung von Texten geworden, doch man sollte schon Filme lieben und vor allem die Personen, die dahinter stecken, um zu spüren, welche Magie darin steckt, wenn Wenders davon berichtet, wie er in Venedig in einem Kinosaal saß und darüber nachdachte, welche Geschichten in den Köpfen der beiden Männer entstanden, die vor ihm saßen. Ihre Namen waren Akira Kurosawa und Michael Powell, und in diesen Texten merkt man, wie sehr Wenders sich vor den Werken anderer Künstler verneigt und sie respektiert.
Wenders ist mit dieser Texte-Sammlung ein weiteres exzellentes Buch gelungen, welches sich nicht hinter „The Heart is a sleeping beauty“, dem Filmbuch zu „The Million Dollar Hotel“, verstecken braucht. Zwar ist es nicht so aufwendig produziert worden, doch die erstklassigen Fotos in „Einmal“, die zum immer wieder Betrachten einladen in Verbindung mit den Begleittexten, lassen „Einmal“ weit über das hinausragen, was andere Filmschaffende abseits ihrer eigentlichen Tätigkeit fabrizieren. (
Tino Hahn)