Rezension:
Wie kaum ein anderes Genre ist der Kriegsfilm stets allgegenwärtig präsent und hat neben der großen Leinwand mit dem aufwändigen Epos „Band of Brothers“ auch längst die TV-Mattscheibe erreicht. Kein Zweifel: Der Krieg hat nicht nur in der Realität, sondern auch im Film immer Hochkonjunktur. Während sich Politologen und Historiker damit bereits eingehend beschäftigen, ist diese Erkenntnis in der Filmpublizistik erst langsam auf fruchtbaren Boden gesunken. Mit „All Quiet on Genre Front? – Zur Theorie und Praxis des Kriegsfilms“ ist jedoch eine äußerst lohnenswerte Lektüre erschienen, die sich mit den filmhistorischen Grundlagen des Kriegsfilms ebenso auseinandersetzt wie mit den Problemen, die sich aus seiner theoretischen Modellierung ergeben. Ausgehend von den ersten Kriegsfilmen des 20. Jahrhunderts über die Blütezeit in den 70er Jahren, als „Apocalypse Now“ und „Die durch die Hölle gehen“ das Licht der Leinwand erblickten, bis in die Gegenwart hinein, steht dabei eine Frage grundlegend im Raum: Gibt es bestimmte Konventionen bei der Darstellung von Tod und Sterben im Kriegsfilm? Wie werden Gewalt und Grausamkeit filmisch umgesetzt und lässt sich für den realen Schrecken überhaupt ein entsprechendes filmisches Pendant schaffen oder muss die Kunst vor den unsäglichen Schrecken des Krieges die Waffen strecken? Im vorwiegend männerdominierten Kriegsfilm liegt es ebenfalls auf der Hand, die dargestellten Rollenmodelle und die Inszenierung von Männlichkeit und Weiblichkeit genauer unter die Lupe zu nehmen.
Außerdem wird auch dezidiert darauf eingegangen, dass der reine Kriegsfilme in letzter Zeit eher rar geworden ist und stattdessen mit Versatzstücken anderer Genres gemischt wird, wie etwa im Fall von „Krieg der Welten“, wo offensichtliche Sci-Fi-Bezüge mit Elementen des Kriegsfilms konkurrieren. Ein Film wie „Mathilde – eine große Liebe“ hingegen nutzt den imposanten und dramatischen Hintergrund des Krieges, um ein herzzerreißendes Melodram zu erzählen. Deshalb tun die Autoren gut daran, bereits zu Beginn einen Versuch zu unternehmen, die Motive und Genese des Kriegsfilms zu erkunden: Denn wann ist ein Kriegsfilm wirklich ein Kriegsfilm und ist jeder Film, dessen Handlung vom Krieg geprägt wird, auch wirklich ein Kriegsfilm?
Viel zu schnell erreicht „All Quiet on the Genre Front?“ jedoch sein Ende. Gerne hätte man noch weiter und weiter und weiter gelesen, denn mit 219 Seiten ist dieses lesenswerte Werk ein lohnenswerter, aber kurzer Ausflug an die Front. Dieser komprimierten Auseinandersetzung sind jedoch nur wenige herausragende Kriegsfilme zum Opfer gefallen und werden mit keiner Silbe erwähnt. Doch wie bei jedem filmtheoretischen Werk, dass sich mit einem Genre auseinandersetzt, das bereits unzählige Filme hervorgebracht hat, wird jeder Leser persönliche Favoriten vermissen. Dies ist deshalb kein Argument, das vom Kauf von „All Quiet on Genre Front?“ abhalten sollte.
Fazit: Für Fans des Genres ein unverzichtbares Werk, das in einigen Jahren zum Standard gehören dürfte. Wer Kriegsfilmen eher skeptisch gegenübersteht und diesem Genre fälschlicherweise ein rein spekulatives Vergnügen an Gewalt, Explosionen und Helden unterstellt, sollte „All Quiet on Genre Front?“ ebenfalls eine Chance geben. Viele interessante Interpretationsansätze und Erkenntnisse warten auf ihre Entdeckung.
(
Tino Hahn)