Rezension:
„Der Zuschauersaal war nicht nur bis zum letzten Platz besetzt, sondern überfüllt. In allen Ecken und an jeder denkbaren Stelle drängten sich Schulter an Schulter die Männer zusammen, die angestrengt die Hälse reckten, um das Geschehen auf der Bühne verfolgen zu können. Andere standen lauschend vor den geöffneten Fenstern. Als der Angeklagte mit seinen beiden Verteidigern kam, wirbelten die Köpfe wie umfallende Dominosteine herum. Vorn an der Bühne war eine improvisierte Schranke angebracht worden. Dahinter standen zwei Tische seitlich gegenüber einem längerem Tisch mit zwei Stühlen, die sich in der Mitte der Bühne befanden. Auf jedem der drei Stühle saß ein höherer Offizier.“
„Das Tribunal“ erzählt eine spannende Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg und beleuchtet Aspekte des Krieges, die bisher kaum erwähnt wurden. Der junge Navigator Thomas Hart wird 1942 über Italien abgeschossen. Als einziger Überlebender des Absturzes wird er im bayerischen Gefangenenlager Stalag 13 inhaftiert. Eine harte und entbehrungsreiche Zeit beginnt und die Lage wird durch die Ermordung eines Mitgefangenen noch verschärft. Der Verdacht fällt sofort auf den Farbigen Lincoln Scott. Als ehemaliger Jura-Student wird Hart als dessen Verteidiger vor ein provisorisches Kriegsgericht einberufen. Und plötzlich muss er sich nicht nur mit dem Alltag im Lager und Nazis auseinandersetzen, sondern bekommt auch noch den Rassismus aus den Reihen der Mitgefangenen zu spüren.
John Katzenbach hat auf 654 Seiten ein packendes Justizdrama entwickelt, dessen spannende Grundstory durch überraschende Wendungen und glaubhafte und lebensechte Charaktere noch unterstützt wird. Die Verfilmung mit Bruce Willis macht den Fehler und lässt im weiteren Verlauf der Story immer unverhohlener Patriotismus und Klischees durchleuchten, während die Roman-Vorlage zwar auch nicht frei davon ist, aber immer geschickt die Kurve kriegt. Gelegentlich wirken einige Passagen sehr langatmig und eine Straffung der Handlung um gut 100 Seiten wäre ein Gewinn für das Buch, doch gelegentliches Durchhalten wird mit einem wahren Lesevergnügen belohnt. In klarer, leicht verständlicher und plastischer Sprache und guten Dialogen schildert Katzenbach einen dramatischen Kamp um Gerechtigkeit und Menschenwürde, mitten in einem Gefangenenlager des Zweiten Weltkriegs.
Fazit: „Das Tribunal“ überzeugt durch eine spannende Idee und die konsequente und gut durchdachte Handlung, die mit glaubhaften Charakteren und lesenswerten Dialogen zum Leben erweckt wird. Eine Empfehlung für Freunde von Justizdramen.
(
Tino Hahn)