Daniel Barenboim & The West-Eastern Divan Orchestra
Daniel Barenboim & The West-Eastern Divan Orchestra
2005-12-01 08:42:35 - Autor: Patrick Fiekers - Titel bei Amazon.de kaufen!The Ramallah Concert
Daniel Barenboim & The West-Eastern Divan Orchestra
Im Jahre 1999 verwirklichten Daniel Barenboim und Edward Said eine Idee, deren Umsetzung angesichts der politischen Realitäten absurd schien: Ein Orchester aus Musikern zu bilden, deren Nationen sich in scheinbar unversöhnlichem Kriegszustand befinden. Und doch gelang es: Mit Mitgliedern, die zur Hauptsache aus Israel, Palästina, Syrien, Ägypten und dem Libanon stammen, lässt The West-Eastern Divan Orchestra den Traum vom Verständnis der Völker untereinander so greifbar wie nie zuvor werden.
Jährlich geht das West-Eastern Divan Orchestra auf Konzertreise, doch im Jahre 2005 führte die Arbeit Barenboims und des West-Eastern Divan Orchestras in jeder Hinsicht zu einem historischen Höhepunkt: Dem großen Konzert in Ramallah in Palästina, jener Stadt, die als Zentrum und Schauplatz des Nahost-Konflikts seit Jahrzehnten ausgezehrt ist wie keine andere.
Am 21. August 2005 gab das West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim im Kulturpalast Ramallah Beethovens Sinfonie Nr. 5 in C-Moll, op. 67 und W.A. Mozarts Sinfonia Concertante KV 297b. Die Weltöffentlichkeit schaute auf die vom Krieg gebeutelte Stadt, in der der Gegensatz der Völker unüberwindbarer scheint als irgendwo sonst auf der Erde. Der europäische Kulturkanal arte TV übertrug das Konzert international und auch das Presse-Echo zog über den gesamten Globus. Wenige Monate nach diesem musikalischen Fanal erschien das Konzert bereits auf einem mitreißenden Live-Album, nun liegt auch der Filmmitschnitt des Konzerts vor. Mehr als das: The Ramallah Concert wirft nicht nur einen Blick auf die schwierige Reiseorganisation, die Doppel-DVD enthält überdies eine etwa 90-minütige Dokumentation von Paul Smaczny mit dem Titel Knowledge is the Beginning über die Entstehung und die Entwicklung des West-Eastern Divan Orchestra, die zu den ergreifendsten Geschichten des zeitgenössischen Musiklebens gehört.
Schon die Anreise nach Ramallah gestaltete sich abenteuerlich. Neben politischen Barrieren und problematischen Behördengängen spielte die Angst eine große Rolle, denn in Ramallah gehören Gewalt und Terror zum Alltag. Seit 1948 unter jordanischer Verwaltung, stand die ehemalige Kreuzfahrerfestung aus dem 12. Jahrhundert nach dem Sechstagekrieg (1967) zunächst unter israelischer Kontrolle, wurde 1994 im Rahmen des Oslo-Abkommens an Palästina übergeben und im März 2002 wieder von Israel besetzt. Hier hatten die israelischen Behörden den Palästinenserführer Arafat bis zu dessen Tod im November 2004 festgesetzt. „Ramallah ist nicht Spanien oder Deutschland, es ist ein schwieriger Ort“, so ein spanisches Ensemble-Mitglied. Und die Ängste sind vielfältig: vor der ummittelbaren Bedrohung durch Attentate, vor Schikanen durch die Behörden und die Militärverwaltungen, aber auch vor Repressalien durch die eigene Heimat - je nachdem, aus welchem Land man stammt. Die Orchestermitglieder mussten daher getrennt und auf verschiedenen Wegen anreisen, und erst wenige Minuten vor der ersten Probe vor Ort gab es die Sicherheit, dass alle Beteiligten heil angekommen waren.
Es war daher durchaus ein modernes Wunder, dass das Konzert ohne größere Komplikationen stattfinden konnte. Dementsprechend tief berührte das Konzert sowohl die Interpreten, als auch die Zuhörer. Die Süddeutsche Zeitung urteilte seinerzeit: ''Es mag feinere Aufführungen der Fünften gegeben haben. Aber nie eine packendere.“
Bereits 1999 entstand, auf Anregung des Weimarers Intendanten Bernd Kauffmann im Zuge der Aktion „Weimar - Kulturhauptstadt Europas“, die Idee eines völkerübergreifenden Orchesters, das jene zusammen bringen sollte, deren Nationen in scheinbar unüberwindbarer Feindschaft zueinander stehen. Barenboim, als Nachkomme einer jüdisch-ukrainischen Familie selbst betroffen, griff die Idee auf und verwirklichte das Projekt gemeinsam mit seinem engen Freund, dem leider 2003 verstorbenen, palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said. Fortan wurde das West-Eastern Divan Orchestra zum Inbegriff für die musikalische Seite der Völkerverständigung. 2004 zog das Orchester nach Sevilla. Ein durchaus symbolischer Schritt, denn es war im 10.-12. Jahrhundert, dass im damals maurischen Andalusien die drei großen monotheistischen Weltreligionen in Harmonie koexistierten und sich gegenseitig mit Wissen befruchteten. Eine Idee, die es auch heute weiterzutragen gilt.
„Ich bin kein Politiker“, betont Barenboim, der jüngst mit dem Sonderpreis des ECHO Klassik 2005 ausgezeichnet wurde - gemeinsam mit dem West-Eastern Divan Orchestra. Doch wie sehr Musik als Interaktion zwischen Menschen eben doch mit der Politik verbunden ist, zeigen die Vorgänge um das West-Eastern Divan Orchestra, wie sie auch sehr beeindruckend in der Dokumentation Knowledge is the Beginning geschildert wird - denn auch im Orchester wird diskutiert und gibt es unterschiedliche Meinungen, und die öffentlichen Auftritte Barenboims werden von vielen Seiten misstrauisch beäugt.
Die Doppel-DVD gibt einen kleinen Eindruck von der Überwindbarkeit der Grenzen und erzählt viel über die Macht der Musik. Dokumentation und Reisebericht können in vier Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch) untertitelt werden und in DTS 5.1, Dolby Digital 5.1 und L-PCM Stereo Qualität abgerufen werden.
763 Kontrollstellen und Straßensperren gibt es in Ramallah. Doch eine der hartnäckigsten Barrieren wird von einem virtuosen Orchester immer wieder neu eingerissen: Die Barriere der Ignoranz und des Nicht-Zuhörens. Vielleicht können Daniel Barenboim und West-Eastern Divan Orchestra keinen Frieden schaffen, aber sie bringen Linderung, Schönheit und Hoffnung.
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