Irina Palm
Rezension / Filmkritik von Bernd Hellweg (Review)Maggie (Marianne Faithfull) ist einfache und großzügige Mittfünfzigerin, Hausfrau und Witwe und lebt in einem spießigen Londoner Vorort. Ihr Enkel Olly leidet an einer seltenen Krankheit und die Ärzte erklären der bestürzten Familie schließlich, dass nur noch eine spezielle neue Behandlungsmethode Olly vor dem Sterben bewahren könne. Und diese Behandlung gibt es nur in Australien. Sie sei zwar kostenlos, die Kosten für Flüge, Aufenthalt und Krankenhaus müssen die Eltern tragen. Und das Ganze müsse unbedingt innerhalb der nächsten sechs Wochen stattfinden, denn danach sei Olly zu schwach, um die lange Reise noch überstehen zu können. Ihrem Sohn Tom (Kevin Bishop) und Schwiegertochter Sarah (Siobhan Hewlett) wächst die Lage langsam über den Kopf, da Tom seit langem arbeitslos ist, und das nötige Geld für eine Erfolg versprechende Behandlung in Australien nicht aufbringen kann. Wenn Maggie den schwindenden Hoffnungen ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter neuen Auftrieb geben und ihren geliebten Enkel retten will, muss sich Maggie etwas einfallen lassen. Doch das ist gar nicht so einfach, die Bank will der hoch verschuldeten Frau keinen Kredit mehr geben, Anfragen nach einem Job auf dem Arbeitsamt enden mit „sie sind zu alt, wir können sie nicht mehr vermitteln“. Als sie durch Soho streift und an einer Bar das Schild "Hostess gesucht" sieht, will sie die Arbeit annehmen, ohne in ihrer Naivität zu wissen, was sich eigentlich dahinter verbirgt. Doch der Chef des Etablissements Miki (Miki Manojloviæ) macht der verzweifelten Großmutter schnell klar um was es hier wirklich geht, und dass er eigentlich für sie aufgrund ihres Alters keine Verwendung hat. Allerdings hat Maggie zarte Hände, so dass Miki auf die Idee verfällt, der Bittstellerin einen "hand job" anzubieten – sie soll den Clubbesuchern bei Bedarf zur Hand gehen. Trotz allen Ekels nimmt Maggie an, schließlich ist das ihre einzige Chance, das dringend benötigte Geld zusammenzubekommen. Schon bald genießt sie unter dem Künstlernamen „Irina Palm" (auf Deutsch in etwa: Irina Handteller/Handfläche) in einschlägigen Kreisen einen legendären Ruf, und bringt dort am „Gloryhole" gierige männliche Glieder im Akkord und Minutentakt zum Erguss. Maggie wird zur Virtuosin der Handarbeit, ohne dass die Kunden ahnen, die Schlange stehen, wer sich hinter Trennwand verbirgt. Zuhause verschweigt sie ihre Aktivitäten lieber, doch wird sie auf Dauer ihr Geheimnis bewahren können? „Irina Palm“ ist ein origineller, mal wahnsinnig komischer, mal tief trauriger Film, und ist ganz auf die Figur der Maggie zugeschnitten, die von Marianne Faithfull in jeder Minute brillant gespielt wird. Allein mit ihrem traurig-amüsierten Gesicht und ihren kleine Gesten hat sie die Figur voll im Griff und spielt sie mehr als glaubhaft. Der Film macht sich über niemanden lustig, schon gar nicht über Maggie oder den liebenswerten Miki, noch nicht einmal über Maggies Kunden, die zur reinen Triebabfuhr antreten und aus Maggies Händen genau das bekommen. "Irina Palm" ist ein echter Feel-Good-Movie aus britischer Küche, ohne den leisesten Hauch von Vulgarität. Plädoyer für die Menschen am Rande der Gesellschaft, dass sich Liebe und Zuneigung auch an ungewöhnlichen Orten verstecken. Fazit: Sicherlich ist „Irina Palm“ kein Blockbuster für die breite Masse, aber er ist ein Glücksfall, ein absoluter Geheimtipp, ein Film, an dem einfach kein Weg vorbeiführt. Absolut empfehlenswert! Nicht umsonst erhielt Marianne Faithfull bei der Welturaufführung im Rahmen der Berlinale 2007 20 Minuten stehende Ovationen. Alternativen zum Film: “Personal Service”, “Brassed Off”, “Kalender Girls” und “Grasgeflüster”. Zu den technischen Daten der DVD: Das 16:9-Bild sowie der Dolby Digital 5.1-Ton bieten zwar keine Höchstleistungen, sind aber durchaus zufrieden stellend. Das Bonusmaterial zum Film ist leider mehr als dürftig, lediglich ein alternatives Ende, eine entfallene Szene und ein Fototermin auf der Berlinale-Pressekonferenz sind neben einer Fotogalerie und dem Trailer zu sehen. Hier hätte man sich ein Interview mit Marianne Faithfull doch mehr als gewünscht! Rezension / Filmkritik von Frank Brenner (Review)
Die Kritiker und das Publikum auf der diesjährigen Berlinale hatte Marianne Faithfull mit ihrer Darstellung der Titel gebenden Heroine in Sam Garbarskis neuem Film geradezu im Sturm erobert. Für die meiste Zeit des großen deutschen Filmfestivals galt die Skandal umwitterte Popikone der Swinging Sixties auch als konkurrenzlose Favoritin im Rennen um den Silbernen Bären für die beste weibliche Schauspielleistung. Dass sie am Ende hauchdünn gegen Nina Hoss in Christian Petzolds Yella verlor, lässt sich einzig durch die Unaufgeregtheit und scheinbare Emotionslosigkeit erklären, die Faithfulls Part kennzeichnet. Nichtsdestotrotz ist es aber genau dieser Minimalismus, der ihre Irina Palm zu einer faszinierenden und dem Publikum ans Herz wachsenden Filmfigur werden lässt. Man kann sich am Ende des Films kaum eine andere Schauspielerin in dieser Rolle vorstellen – Gelegenheitsmimin Faithfull scheint die einzig richtige Wahl zu sein! |
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