In den Süden
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Rezensionen / Kritik / Filmkritik zu In den Süden:
3Jean Lüdeke2009-01-28Nicht Pattaya, sondern Sex-Tourismus mit umgekehrten Vorzeichen Haiti in den späten unruhigen 70er Jahren unter der Gewaltherrschaft von „Baby Doc“ Duvalier. Aber auch Sonne, Sand Meer und Sex, vor allem das Gefühl, immer noch begehrenswert zu sein für einsam angereiste, angejahrte Damen, die für ein paar Dollar mehr im Ambiente von Sonne, Sand und Meer mehr als nur das eine wollen. Laurent Cantets beeindruckendes und dezentes Tropen-Drama, basierend auf drei Kurzgeschichten des Haitianers Dany Laferrière, besticht mit realistischer Film-Analytik und narrativer Eleganz.
Die kostbarsten Wochen des Jahres in karibisch kurzen Nächten? In ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten und Kanada, haben Ellen (Charlotte Rampling), Brenda (Karen Young) und Sue (Louise Portal), drei Damen um die 50, selbst bei älteren Herren kaum mehr realistische Beziehungschancen. Da fehlt ein abwechslungsreiches Intermezzo. Einsam, vernachlässigt, frustriert von den Typen zuhause, sollen auf Haiti nicht nur schamlos sexuelle Gelüste ausgelebt werden. Aber nicht nur das; Romantik, vielleicht sogar ein bisschen Liebe darf es obendrein sein, und zwar dort, wo nachpubertäre knackige schwarze Muskelmänner der Touristinnen harren.
Leider hat das Paradies in den späten 70ern einen großen Haken: Der Bürgerkrieg unter der Tyrannei von „Baby Doc“ Duvalier droht in Port-au- Prince alle Lust auf Libido in sinnloser Gewalt zu ersticken.
Doch davon lassen sich die Touristinnen aus Kanada und den USA kaum abschrecken, denn es wartet ein Bilderbuchstrand mit feinem Sand am türkisfarbenen Meer, eine idyllisch-ruhig unter Palmen gelegene Bungalow-Anlage, eilfertige Bedienstete, die den Gästen jeden Wunsch von den Lippen ablesen und eben jene bereitwillige junge Einheimische. Ein Paradies und intellektualisierter karibischer Ballermann für fettansetzende, fitte Frauen, die in der Heimat des Jugendwahns schon ab vierzig als alt und unattraktiv gelten?
„Wenn ich alt bin, werde ich junge Leute bezahlen, mich zu lieben. Denn Liebe ist das Süßeste, das Lebendigste und das Sinnvollste vor allen anderen Dingen. Egal wie hoch der Preis dafür ist“, philosophierte die französische Schriftstellerin Francoise Sagan einmal. Die New Yorker Feministin Maryse Holder („Ich atme mit dem Herzen“) bezahlte ihre neugierigen Exzesse in Mexiko gar mit dem Leben.
Ganz so drastisch endet es für die drei Damen vom Sonnengrill am Strand gottlob nicht; denn das gar nicht mehr gefährliche, obskures Objekt der der Begierde ist der drahtige Legba, (Ménothy Cesar); um den geraten sich bald die simpel gestrickte Brenda und die zynisch-intellektuelle Professorin Ellen in die Haare. Während Ellen scheinbar souverän das Ganze als Spiel betrachtet, lernt Brenda erstmals, sich zu ihren Wünschen zu bekennen und erlebt mit Mitte Vierzig ihren ersten Orgasmus. Doch je mehr der 18-Jährige mit Brenda and Brekfast teilt, um so mehr verliert die Konkurrentin die Contenance, bietet dem Beau sogar an, mit ihr nach Boston zu kommen.
Cantet konterkariert das desolate Relaxen in der verlogenen Oase mit der stets präsenten Gewalt in den Straßen von Port-au-Prince, die Lebenslust mit stetiger Bedrohung; die raubt den Touristinnen letztlich ihre falschen Träume. Es ist ein filmisches Dokumentar-Vexierspiel über Konflikte von Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich, Zärtlichkeit gegen Ausbeutung, Erotik gegen Geld, ohne jedoch mit erhobenem Zeigefinger zu pädagogisieren; das übliche Muster von den horriblen Kolonialisten und seinen ausgebeuteten Opfern greift hier nicht, zumal „In den Süden“ vielmehr demonstriert, daß Legba und seine munteren Stricher-Gesellen auch eine andere Wahl hätten, sich durchzubringen, und sich hinter der vermeintlichen Ausbeutung durch Brenda und Ellen Formen von Sehnsucht nach Liebe kaschieren.
Cantet dagegen kaschiert sonst kaum, und zwar mit einer elliptischen, beobachtenden und den Zuschauer mit einbeziehenden Erzählperspektive: Die drei Protagonistinnen stellen sich wie im Interview der Kamera, berichten über Ihre Vergangenheit, Fehler, Sehnsüchte, Emotionen und Intentionen. Eine ernüchternde Synthese mit den Mitteln des Cinéma Vérité und Cinéma Pur.
Ernüchternd ebenso die verbalen Gefechte von Karen Young als clevere Naive und Charlotte Rampling als schlechte Verliererin, die am Ende vor der Sinnlosigkeit ihrer flüchtigen Leidenschaft kapituliert, um mit und mit dem harschen Verlust von Utopie fertig zu werden. Es trifft sie bis ins Mark, dass der ermittelnde Inspektor der zwei Todesfälle, ihres Jungen Lovers samt seiner Jugendliebe, sich nicht um ihre Mithilfe schert, sie somit nicht respektiert. Denn Urlauber bleiben stets Außenstehende. Die verächtlich hingeworfene Äußerung am Ende: „Touristen sterben nie" grenzt deutlich ab und macht eines klar: Es sind immer die anderen, die sterben…
„Vers le sud“ ist vielleicht nicht das ultimative Meisterwerk des Franzosen schlechthin, der mit „Ressources Humaines“ (1999) und vor allem „L’emploi du temps“ (2001) zwei millieuartige Studien über Einsamkeit in einer defizitären, modernen Gesellschaft vorlege, er illuminiert aber das Freizeit-Milieu des „Liebestourismus“, wie er es nennt, meisterlich. Ein sensitives Machtgerangel zwischen konträren Frauen. Charlotte Rampling als geniales, selbstmitleidloses Biest, Young mimt mit drastischer Präzision die Lebensverlorene. Beide werden von Cantet nicht denunziert, genauso wenig wie deren mittellose Gigolos zu Opfern von schwelgerisch dahinwelkenden Körpern werden. Es geht um Good Feelings, schräge Träume und fatale tragische Missverständnisse von Strand-Statistinnen in körperlicher Utopie. Und hätte diese eine Bezeichnung, dann hieße sie im schlimmsten Fall Liebe.
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Nicht Pattaya, sondern Sex-Tourismus mit umgekehrten Vorzeichen Haiti in den späten unruhigen 70er Jahren unter der Gewaltherrschaft von „Baby Doc“ Duvalier. Aber auch Sonne, Sand Meer und Sex, vor allem das Gefühl, immer noch begehrenswert zu sein für einsam angereiste, angejahrte Damen, die für ein paar Dollar mehr im Ambiente von Sonne, Sand und Meer mehr als nur das eine wollen. Laurent Cantets beeindruckendes und dezentes Tropen-Drama, basierend auf drei Kurzgeschichten des Haitianers Dany Laferrière, besticht mit realistischer Film-Analytik und narrativer Eleganz.
Die kostbarsten Wochen des Jahres in karibisch kurzen Nächten? In ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten und Kanada, haben Ellen (Charlotte Rampling), Brenda (Karen Young) und Sue (Louise Portal), drei Damen um die 50, selbst bei älteren Herren kaum mehr realistische Beziehungschancen. Da fehlt ein abwechslungsreiches Intermezzo. Einsam, vernachlässigt, frustriert von den Typen zuhause, sollen auf Haiti nicht nur schamlos sexuelle Gelüste ausgelebt werden. Aber nicht nur das; Romantik, vielleicht sogar ein bisschen Liebe darf es obendrein sein, und zwar dort, wo nachpubertäre knackige schwarze Muskelmänner der Touristinnen harren.
Leider hat das Paradies in den späten 70ern einen großen Haken: Der Bürgerkrieg unter der Tyrannei von „Baby Doc“ Duvalier droht in Port-au- Prince alle Lust auf Libido in sinnloser Gewalt zu ersticken.
Doch davon lassen sich die Touristinnen aus Kanada und den USA kaum abschrecken, denn es wartet ein Bilderbuchstrand mit feinem Sand am türkisfarbenen Meer, eine idyllisch-ruhig unter Palmen gelegene Bungalow-Anlage, eilfertige Bedienstete, die den Gästen jeden Wunsch von den Lippen ablesen und eben jene bereitwillige junge Einheimische. Ein Paradies und intellektualisierter karibischer Ballermann für fettansetzende, fitte Frauen, die in der Heimat des Jugendwahns schon ab vierzig als alt und unattraktiv gelten?
„Wenn ich alt bin, werde ich junge Leute bezahlen, mich zu lieben. Denn Liebe ist das Süßeste, das Lebendigste und das Sinnvollste vor allen anderen Dingen. Egal wie hoch der Preis dafür ist“, philosophierte die französische Schriftstellerin Francoise Sagan einmal. Die New Yorker Feministin Maryse Holder („Ich atme mit dem Herzen“) bezahlte ihre neugierigen Exzesse in Mexiko gar mit dem Leben.
Ganz so drastisch endet es für die drei Damen vom Sonnengrill am Strand gottlob nicht; denn das gar nicht mehr gefährliche, obskures Objekt der der Begierde ist der drahtige Legba, (Ménothy Cesar); um den geraten sich bald die simpel gestrickte Brenda und die zynisch-intellektuelle Professorin Ellen in die Haare. Während Ellen scheinbar souverän das Ganze als Spiel betrachtet, lernt Brenda erstmals, sich zu ihren Wünschen zu bekennen und erlebt mit Mitte Vierzig ihren ersten Orgasmus. Doch je mehr der 18-Jährige mit Brenda and Brekfast teilt, um so mehr verliert die Konkurrentin die Contenance, bietet dem Beau sogar an, mit ihr nach Boston zu kommen.
Cantet konterkariert das desolate Relaxen in der verlogenen Oase mit der stets präsenten Gewalt in den Straßen von Port-au-Prince, die Lebenslust mit stetiger Bedrohung; die raubt den Touristinnen letztlich ihre falschen Träume. Es ist ein filmisches Dokumentar-Vexierspiel über Konflikte von Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich, Zärtlichkeit gegen Ausbeutung, Erotik gegen Geld, ohne jedoch mit erhobenem Zeigefinger zu pädagogisieren; das übliche Muster von den horriblen Kolonialisten und seinen ausgebeuteten Opfern greift hier nicht, zumal „ In den Süden“ vielmehr demonstriert, daß Legba und seine munteren Stricher-Gesellen auch eine andere Wahl hätten, sich durchzubringen, und sich hinter der vermeintlichen Ausbeutung durch Brenda und Ellen Formen von Sehnsucht nach Liebe kaschieren.
Cantet dagegen kaschiert sonst kaum, und zwar mit einer elliptischen, beobachtenden und den Zuschauer mit einbeziehenden Erzählperspektive: Die drei Protagonistinnen stellen sich wie im Interview der Kamera, berichten über Ihre Vergangenheit, Fehler, Sehnsüchte, Emotionen und Intentionen. Eine ernüchternde Synthese mit den Mitteln des Cinéma Vérité und Cinéma Pur.
Ernüchternd ebenso die verbalen Gefechte von Karen Young als clevere Naive und Charlotte Rampling als schlechte Verliererin, die am Ende vor der Sinnlosigkeit ihrer flüchtigen Leidenschaft kapituliert, um mit und mit dem harschen Verlust von Utopie fertig zu werden. Es trifft sie bis ins Mark, dass der ermittelnde Inspektor der zwei Todesfälle, ihres Jungen Lovers samt seiner Jugendliebe, sich nicht um ihre Mithilfe schert, sie somit nicht respektiert. Denn Urlauber bleiben stets Außenstehende. Die verächtlich hingeworfene Äußerung am Ende: „Touristen sterben nie" grenzt deutlich ab und macht eines klar: Es sind immer die anderen, die sterben…
„Vers le sud“ ist vielleicht nicht das ultimative Meisterwerk des Franzosen schlechthin, der mit „Ressources Humaines“ (1999) und vor allem „L’emploi du temps“ (2001) zwei millieuartige Studien über Einsamkeit in einer defizitären, modernen Gesellschaft vorlege, er illuminiert aber das Freizeit-Milieu des „Liebestourismus“, wie er es nennt, meisterlich. Ein sensitives Machtgerangel zwischen konträren Frauen. Charlotte Rampling als geniales, selbstmitleidloses Biest, Young mimt mit drastischer Präzision die Lebensverlorene. Beide werden von Cantet nicht denunziert, genauso wenig wie deren mittellose Gigolos zu Opfern von schwelgerisch dahinwelkenden Körpern werden. Es geht um Good Feelings, schräge Träume und fatale tragische Missverständnisse von Strand-Statistinnen in körperlicher Utopie. Und hätte diese eine Bezeichnung, dann hieße sie im schlimmsten Fall Liebe.
(Jean Lüdeke)
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