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Rezensionen / Kritik / Filmkritik zu Wenn Ärzte töten:
Der heute 84jährige Robert Jay Lifton ist ein namhafter amerikanischer Psychiater und Autor. Er wurde vor allem bekannt durch Studien über die psychologischen Hintergründe und Auswirkungen von Krieg, Genozid und politischer Gewalt. Seit mehr als 40 Jahren konfrontiert er die Öffentlichkeit mit seinen Erkenntnissen, wobei die Verstrickungen der Nazi-Ärzte einen Schwerpunkt bilden. Zu deren Erforschung nahm er sich etwa 80 Opfer und 40 Täter vor und unterzog sie einer ausführlichen psychoanalytischen Befragung. Aber auch Gehirnwäsche in China, der Atombombenabwurf von Hiroshima, der Vietnamkrieg oder der aktuelle Terrorismus sind Gegenstand seiner Untersuchungen. Dabei geht es um Fragestellungen wie Mord, Völkermord und das Zusammenleben der Menschen. Lifton gilt als Gründer der „Psychohistory“, einer Wissenschaft, die die inneren menschlichen Beweg- und Abgründe in ihrem historischen Kontext untersucht. Er erhielt zahlreiche Buchpreise und für die von ihm mit gegründete Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ 1985 den Friedensnobelpreis. Die beiden deutschen Filmemacher Hannes Karnick und Wolfgang Richter zeigen in ihrem viel beachteten Dokumentarfilm „Wenn Ärzte töten“ Ausschnitte aus wochenlangen Interviews mit Lifton über die „psychologischen Abgründe“ von Ärzten. Der jetzt bei absolut Medien erstmals auf DVD erschienene Streifen beschränkt sich nicht nur auf die historischen Hintergründe, sondern wirft auch Fragen nach Ethik und Moral in der modernen Medizin auf. Trotz seiner Betroffenheit wahrt Lifton die wissenschaftliche Distanz und Objektivität. Namen erfährt man keine, denn er hatte seinen Interviewpartnern Anonymität zugesagt. Er erläutert ausführlich, welche behutsame Taktik er als erfahrener Gesprächstherapeut anwandte, um die Täter nicht gleich mit ihren Verbrechen moralisch zu konfrontieren. Einer bot ihm sogar an, dass jetzt doch die Deutschen und Juden - Lifton ist selbst ein in den USA geborener Jude - zusammenhalten und gemeinsam gegen die Moslems vorgehen müssten. Somit scheinen die Feindbilder ausgetauscht. Ausführlich geht Lifton auf das von den Nazi-Ärzten praktizierte Sterilisationsprogramm ein, das geradewegs in die Euthanasie führte. Bereits Kinder wurden mit Schlafmitteln getötet, um die „Volksgesundheit“ zu erhalten und durch Erbschäden entstandenes „unwertes“ Leben vom Volk fernzuhalten. So wurden Mörder aus den eigentlich zum Heilen ausgebildeten Ärzten. Nach den vielen Gesprächen hat sich bei Lifton die Erkenntnis durchgesetzt, dass das größte Menschenvernichtungslager in Auschwitz wie ein anderer Planet war. Die Ärzte in ihren weißen Kitteln entschieden in diesem „Pseudo-Krankenhaus“ am Schreibtisch über Leben und Tod, die „Dreckarbeit“ in den Gaskammern mussten andere erledigen. Als Psychoanalytiker diagnostiziert er bei diesen Ärzten eine Persönlichkeitsspaltung. In einem „faustischen“ Pakt hätte sich bei ihnen ein „Auschwitz-Selbst“ herausgebildet. Eine klare Trennung zwischen Gut und Böse sei dabei nicht mehr möglich. Die Grenze zwischen Ethik und Wahn scheint aufgehoben. Unter bestimmten Umständen sei es möglich, dass sich jeder von uns mit derartigem Übel beladen könne. Aber am Ende sieht Lifton trotz aller Wut und Zerstörung eine Möglichkeit der Hoffnung. Das ursprüngliche Konzept des Films sah eine klassische Kompilation mit Reflektionen aus der Gegenwart vor, die das Leid der Opfer und die Motive der Täter erfahrbar machen sollte. Nach monatelanger Arbeit am Schneidetisch wurde für die Macher immer deutlicher, dass die Bilder, die Lifton in den Köpfen der Zuschauer erzeugt, stärker sind als alles, was darüber hinaus gedreht wurde und an schon bekanntem Filmmaterial in den Archiven liegt. So entstand ein Film, der in seinen filmischen Mitteln zwar reduziert ist, dessen bedrückende Wahrheit und Aktualität sich dem Zuschauer aber umso differenzierter und vielfältiger erschließt, unterstützt und kommentiert durch die bewusst einfach gehaltene Filmmusik von Jan Tilman Schade. Dokumentarfilme, besonders mit schwierigen Themen wie diesem, haben es in den Kinos nicht leicht, ein großes Zuschauerinteresse zu wecken. Doch bei entsprechender Gestaltung und Thematik können sie sich durchaus abheben von der Masse beliebiger Features. Die nüchterne Aufmachung dieses Streifens mag auf den ersten Blick langweilen, da über fast 90 Minuten außer den Interviews kaum etwas zu sehen ist. Viele Testvorführungen haben jedoch gezeigt, dass die Zuschauer bei der derzeitigen Medienüberflutung froh und dankbar sind, sich auch ohne visuelle Ablenkung einem Thema intensiv widmen zu können. So gesehen wird hier aus der radikalen Reduktion ein Gewinn. Durch die eindringliche verbale Darstellung entstehen die Bilder des Grauens im Kopf des Zuschauers auch ohne Wochenschaubilder, die meist aus der Sicht der Täter entstanden und die Opfer diskriminieren. Um die Authentizität zu wahren gibt es auf der DVD keine Synchronspur, sondern nur deutsche Untertitel. Interessante Extras erweitern die Filmdauer noch einmal um die Hälfte. So gibt es Gespräche mit den Filmemachern, mit Robert Jay Lifton und seiner Frau Betty Jean. Ein historisches Tondokument lässt einen Zeugen im Frankfurter Auschwitz-Prozess zu Wort kommen. Erhältlich ist dieser außergewöhnliche Dokumentarfilm über www.absolutmedien.de oder im Fachhandel. (Johannes Kösegi) alle Rezensionen von Johannes Kösegi ...
Welches Unheil der zweite Weltkrieg angerichtet hat, ist nur allzu bekannt. Der Schaden hat viele Leute Jahrzehnte lang begleitet. Einer Gruppe von Menschen kam damals in den Konzentrationslagern den Ärzten zu. Es ging dabei um die Ärzte, die in den Konzentrationslagern gearbeitet haben. Mit diesem Thema hat sich der Psychiater Robert Jay Lifton beschäftigt. Das Ergebnis seiner Recherchen schildert er in der Dokumentation „Wenn Ärzte töten“.
In den Jahren von 1933 bis 1945 wurden unzählige Konzentrationslager errichtet. Die Menschen, die in diese Lager geschickt wurden, mussten unglaubliche Qualen erleiden. So gab es unter anderem auch Experimente mit Menschen. Was dort geschehen ist, war eine Zeitlang ein Thema für den Psychohistoriker Robert Jay Lifton. Er wollte herausfinden, warum es damals die Ärzte waren, die die Verbrechen an anderen Menschen begangen haben. So kam ein ausführliches Gespräch mit dem Historiker heraus. Beleuchtet wird dabei auch, wie weit der Wahn und die Ethik in der Medizin gehen kann.
Bereits mehrfach wurde der Psychohistoriker Robert Jay Lifton für seine Studien ausgezeichnet.
Angeschaut werden kann die Dokumentation in Englisch mit der Tonspur Dolby Digital 5.1. Zu sehen ist der Film in dem Bildformat 16:9 Anamorph 1.77:1.
Freigegeben wurde der Film ohne Altersbeschränkung. Die Herausgabe erfolgte von der absolut Medien GmbH. Der im Jahr 2008 produzierte Spielfilm hat eine Laufzeit von 86 Minuten.
An Bonusmaterial gibt es unter anderem den Beitrag „Ärzte vor Gericht: Der Nürnberger Ärzteprozess“ sowie ein Interview mit Robert Jay Lifton. Ferner wurde beispielsweise auch ein Interview mit den Regisseuren geführt.
Selten etwas so schwieriges in der Hand gehabt. Das ist ein Thema, dass viele tausend Facetten hat und noch viel mehr Fragen aufwirft. Es ist auf jeden Fall sehr beeindruckend, wie Robert Jay Lifton seine Recherchen schildert. Auch ist es richtig, dass die Erinnerung an diese nicht verblassen sollte. Doch die Frage, wie tief man dieses längst vergangene Erlebnis unbedingt erforschen sollte, bleibt hier offen. Wahrscheinlich werden hier noch immer nicht einmal alle Facetten dieser Zeit erforscht worden sein. Allerdings war ich auch neulich zu einer Besichtigung in einem ehemaligen Lager, wo im zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gelebt haben. Es wurde ein intensiver Einblick in die Geschichte dieser Zeit gewährt. In Kombination mit dieser DVD kommt da noch einmal erheblich Beklemmung auf, wenn Robert Lifton seine Erkenntnisse schildert. Hier werden wohl mindestens Historiker ihre Freude haben.
(Marina Teuscher)
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