Grosse Geschichten 33: Mozart
Schauspieler / Schauspielerinnen in Grosse Geschichten 33: Mozart:
Darsteller:
Christoph Bantzer, Michel Bouquet, Martine Chevallier, Louise Martini, Anne Marie Kuster, Rezensionen / Kritik / Filmkritik zu Grosse Geschichten 33: Mozart:
Aufwändiger TV-Fünfteiler mit Christoph Bantzer in der Titelrolle. Kaum ein Künstler muss so viele Klischees ertragen wie Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), das Musikwunderkind aus Salzburg. Mit Hunderten von Kitschprodukten der „Marke Mozart“ wie Marzipankugeln, Bier, Joghurt oder Würstchen wird weltweit gutes Geld verdient. Doch wer war Mozart wirklich außer einem genialen Komponisten und virtuosen Musiker? Diese Frage wird noch lange die Forschung beschäftigen. Auch auf populärwissenschaftlicher und feuilletonistischer Ebene gab es schon viele Versuche, dem Phänomen Mozart auf die Spur zu kommen. Miloš Formans mit Preisen überhäufter Film „Amadeus“ bietet schöne Bilder. Doch beschränkt er sich besonders auf den Konflikt zwischen dem Genie Mozart und dem eifersüchtigen und hinterhältigen Hofkapellmeister Antonio Salieri mit dem Vorurteil eines Giftmordes. Bereits zwei Jahre zuvor wurde mit „Mozart“ ein aufwändiger Fernseh-Fünfteiler produziert, dem die historische Wahrheit von Mozarts kurzem und intensivem Leben wichtiger ist als Gerüchte. Studio Hamburg bringt dieses sehenswerte Filmdokument in der Reihe „Große Geschichten“ auf vier DVDs heraus. Unter der Regie von Marcel Bluwal entstand diese Filmbiografie in fünf Jahren mit einem Etat von 13 Millionen Mark als internationale Gemeinschaftsproduktion von 15 Fernsehsendern. Mit einem erstklassigen internationalen Staraufgebot in über 150 Rollen und 2500 Statisten wurde an historischen Orten in Österreich, Ungarn, Frankreich und Italien gefilmt. Der Aufwand war erforderlich, weil Mozart in seinem kurzen Leben seit seiner Kindheit wie kaum ein anderer quer durch Europa reiste, von London bis Neapel, von Paris bis Prag, und dabei mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Gesellschaft zusammenkam. In den insgesamt acht Stunden gibt es genügend Zeit, auch viele Werke Mozarts vorzustellen. Die musikalische Beratung lag in den Händen des Musikpublizisten Bruno Monsaigneon. Der Pianist Zoltan Kocsis spielte extra für dieses Filmprojekt einige Kompositionen neu ein. Das Drehbuch war das Ergebnis von drei Jahren Forschung an den Quellen, die bei Mozart durch viele überlieferte Briefe sehr zuverlässig sind. Im Gegensatz zu anderen Biopics wird hier Mozarts Leben von der Geburt bis zum Tod vorgestellt. Für die Kinder- und frühe Jugendzeit sind zwei Jungschauspieler im Einsatz. In der Zeit ab 1777 glänzt Christoph Bantzer in der Rolle seines Lebens als erwachsener Mozart. Weitere wichtige Personen verkörpern Michel Bouquet (Vater Leopold), Louise Martini (Mutter Anna Maria), Anne-Marie Kuster (Schwester Nannerl), Martine Chevallier (Frau Constanze), Dietlinde Turban (Aolysia Weber), Peter Pasetti (Joseph Haydn), Stefano Satta Flores (Lorenzo da Ponte) und Gerd Böckmann (Johann Christian Bach). Schön wird am Anfang gezeigt, dass Mozart keine richtige Kindheit hatte. Sein strenger Vater und Manager Leopold hat ihn zusammen mit seiner Schwester Nannerl von einem Hof zum nächsten durch ganz Europa gehetzt und sie als Wunderkinder wie im Zirkus vorgeführt. Als sie 1773 nach Salzburg zurückkehren, gibt es Streit mit dem neuen Fürst-Erzbischof Colloredo, der nur italienische Musik möchte. Nach Mozarts Bitte um Urlaubsverlängerung wirft er ihn hinaus. Erneut verreist er jetzt mit seiner Mutter und sucht eine Stellung an einem Hof. Unterwegs verliebt er sich in Mannheim in Aloysia Weber, in Paris stirbt seine Mutter. Nachdem er wieder als Salzburger Hofkonzertmeister anheuern kann, soll er an den Krönungsfeierlichkeiten von Josef II. in Wien teilnehmen. Als er sich auflehnt, kommt es zum endgültigen Bruch mit Colloredo. Mozart möchte jetzt in Wien als freischaffender Künstler arbeiten. Dort trifft er wieder auf die Familie Weber. Aloysia ist mittlerweile verheiratet. Durch eine Intrige wird er genötigt, ihre Schwester Constanze zu heiraten. Nach dem Erfolg seines deutschen Singspiels „Die Entführung aus dem Serail“ lernt Mozart den italienischen Librettisten Lorenzo da Ponte kennen. Mit diplomatischem Geschick bringen sie den Kaiser so weit, dass sie das verbotene Theaterstück „Die Hochzeit das Figaro“ als Oper aufführen dürfen. Doch der erwartete Erfolg bleibt ebenso aus wie später bei „Don Giovanni“. Was heute zu den Spitzenopern zählt, war damals zu revolutionär und wurde nicht verstanden. Mozarts exzessiver Lebenswandel und seine Spielsucht bringen ihn immer mehr in Geldnöte, was zu seelischen Problemen und allmählichem körperlichen Zerfall führt. Zum Drängen seiner Gläubiger kommt der Tod seines Vaters und der Tochter Theresa. Während einer Reise nach Berlin bleiben die erhofften Konzerte und Aufträge aus. Zurück in Wien ist seine Frau erkrankt, ein weiteres Kind stirbt kurz nach der Geburt. Nach mehreren Monaten ohne Komposition bringt ihn der Theaterintendant Schikaneder dazu, die märchenhafte Freimaurer-Oper „Die Zauberflöte“ zu schreiben. Noch einmal bekommt er einen ungewöhnlichen Schaffensdrang mit letzten großen Meisterwerken wie „La Clemenza die Tito“ und das unvollendete Requiem. Nach einem Konzert bricht er zusammen und stirbt zwei Wochen später. Als „Armer unter Armen“ wird er auf dem St. Marxer Friedhof begraben und hinterlässt 60 Florin. Ohne Heiligenschein wird Mozarts Leben in prächtigen Bildern und mit viel Originalmusik präsentiert. Er ist nicht nur ein Genie, sondern auch ein Mensch mit allen seinen Schwächen. Für viele Details bleibt in acht Stunden genügend Zeit: Streitigkeiten mit seinem strengen, dennoch geachteten Vater, Liebeleien mit Klavierschülerinnen, Aufnahme in die Freimaurerloge, Führen eines Registers für Kompositionen und Finanzen, Gespräche mit dem Kollegen Joseph Haydn („Auf der ganzen Welt gibt es keinen Musiker, der Mozart das Wasser reichen könnte.“), Brüskierung eines evangelischen Pastors während seiner Berlin-Reise oder Giacomo Casanovas Anwesenheit bei der Uraufführung von „Don Giovanni“ 1787 in Prag. Der oft aufgebauschte Konflikt zwischen Mozart und Salieri findet hier eher am Rande statt. Der neidische Kollege wirft Mozart vor, er könne seine Fantasie nicht zügeln, alte Meister zählten bei ihm nicht mehr. Zu den acht Stunden Spielzeit kommen weitere zwei Stunden mit dem Porträt „Wolfgang Wer?“ (2005) von Herbert Eisenschenk, einer Produktion von ORF und arte. Es zeigt Mozarts Person jenseits der Klischeebilder von Genie, Wunderkind und Götterliebling. Wie bei keinem anderen Künstler müssen bei Mozart Biografie und Werk völlig getrennt gesehen werden. Er kann bei bester Laune die traurigste Musik schreiben, aber auch eine heitere Opernarie, wenn gerade ein enger Verwandter gestorben ist. Oft lösen große Schicksalsschläge eine ungeahnte Schaffenskraft bei ihm aus. In der Oper hat er seinen eigenen Stil entwickelt unabhängig von den gegensätzlichen Schulen Glucks und Piccinnis. Kein anderer Komponist hat in allen Gattungen derart bedeutende Meisterwerke geschrieben, die bis heute zum festen Bestandteil der Konzert- und Opernprogramme zählen. Dieses weitere Highlight der „Großen Geschichten“ ist nicht nur für Mozart-Fans empfehlenswert, denn nebenbei wird vieles über die europäische Geistesgeschichte seiner Zeit vermittelt. (Johannes Kösegi) alle Rezensionen von Johannes Kösegi ... 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