Grosse Geschichten 48: Ursula
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Rezensionen / Kritik / Filmkritik zu Grosse Geschichten 48: Ursula:
Koproduktion des DDR-Fernsehens mit der Schweizer SRG wurde zum Skandalfilm. Der schweizerische Schriftsteller Gottfried Keller (1819-1890) erlangt mit seinen Novellen weltliterarische Bedeutung und zählt zu den großen Erzählern des Bürgerlichen Realismus. In seinen „Züricher Novellen“, die 1878 in zwei Bänden erschienen sind, greift er auf historische Themen und Figuren der Eidgenossen zurück. Die Novelle „Ursula“ spielt während der Zeit des Reformationskrieges im 16. Jahrhundert, als die Anhänger Zwinglis die Wiedertäufer bekämpften. In einer seltenen Zusammenarbeit des Deutschen Fernsehfunks der DDR und des Schweizer Fernsehens SRG entsteht 1978 ein aufsehenerregender Film dieser dramatischen Geschichte. Die Zusammenarbeit des Staatssenders mit einem westlichen TV-Sender sorgt für Aufsehen, die eigenwillige Interpretation des bekannten DDR-Regisseurs Egon Günther („Die Leiden des jungen Werthers“) löst heftige Kontroversen aus. Die Kritiken reichten von „provokatives Machwerkt“ bis „gelungenes Kunstwerk“. Nach nur einer Ausstrahlung im DDR-Fernsehen wird der Film verboten, Günther verlässt sein Land im selben Jahr und hat bis zur Wiedervereinigung zwei deutsche Pässe. Die seinerzeit als drastisch empfundene Darstellung von Sexualität und Gewalt vor einem religiösen Hintergrund führt auch in der liberalen Schweiz zu großen Diskussionen, die im Rücktritt des kirchlichen Fernsehbeauftragten gipfeln. Heutzutage kann man sich darüber nur wundern. Die bei Studio Hamburg in der Reihe „Große Geschichten“ erschienene DVD-Premiere von „Ursula“ ist von der FSK ab 12 Jahren freigegeben. So kann man vorurteilsfrei ein wahres Kunstwerk mit rauschhaften Bildern wieder bestaunen, das durch die seltene Kooperation auch kulturpolitisch ein Meilenstein war. Neben Egon Günther kommt auch die Drehbuchautoren Helga Schütz aus Ostdeutschland, wogegen die meisten Schauspieler mit Ausnahme des großartigen Matthias Habich als Zwingli aus der Schweiz stammen und so den dort üblichen Tonfall sprechen. Erzählt wird vor dem Hintergrund des Religionskriegs im 16. Jahrhundert die dramatische Liebesgeschichte des Bauernmädchens Ursula (Suzanne Stoll) mit dem Soldaten Hansli Gyr (Jörg Reichlin), der im Schweizer Oberland auf Seiten Ulrich Zwinglis für die Reformation kämpft. Ihre Widersacher sind die Wiedertäufer, die hier beinahe als Vorläufer der Kommunisten dargestellt werden. Es sind freie christliche Gemeinden ohne Herrn, die das Privateigentum abschaffen und alles der Gemeinschaft zur Verfügung stellen wollen. Außerdem sind sie für eine freizügige Liebe, bei der „jedermann eine neue Frau bekommt und die alte wegwerfen“ kann. Zwingli und seine Anhänger dagegen werden eher negativ dargestellt, so beim drastischen Bildersturm in den Kirchen, der alle Gemälde, Statuen, Kruzifixe und sogar Orgeln zerstört. Zwingli sieht sich als ein „Geistlicher, der die Soldaten lieb hat“ und sorgt in Zürich für Ruhe und Frieden. Am Schluss gewinnen die Wiedertäufer und sorgen aus ihrer Sicht für ein glückliches Ende. Zwingli wird von papsttreuen Katholiken getötet, in Stücke gehauen und verbrannt. Historische Korrektheit ist nicht vorrangig in diesem teilweise surrealistischen Film. So sind zwar die meisten Protagonisten historisch ausgestattet, aber die Statisten als Kirchenbesucher während Zwinglis Predigt tragen moderne Kleidung. Später kurvt ein Gleitschirm durch die Lüfte und stürzt ab, am Ende ist ein riesiger Strommast zu sehen. Auch die Musik wechselt zwischen zeitgemäßer Renaissance und Ravels „La Valse“, einer rauschhafte Entstellung des biedermeierlichen Wiener Walzers, der stellvertretend für die rückschrittlichen Kräfte im Film gedeutet werden kann. Spätestens hier wird die Intention von Günther und Schütz deutlich, die einen historisch weit zurückliegenden Stoff aufgreifen, um damit Probleme der Gegenwart zu reflektieren. Gottfried Keller verfolgt eine ähnliche Absicht und will auf poetische Art einen Staat vorstellen, dessen Volk sich solidarisch, verantwortungsvoll und vernünftig verhält und Fehlern der politischen Führung tolerant gegenübersteht. Er betont jedoch die Bedeutung von Zwinglis Reformation. Die Filmemacher gehen noch einen Schritt weiter und thematisieren das Ausgeliefertsein von unterprivilegierten Menschen, die Angst vor dem Krieg - zur Zeit der Entstehung des Filmes herrscht kalter Krieg zwischen Ost und West und es gibt weltweite Proteste gegen den Vietnam-Krieg - sowie die Bedeutung der Menschenrechte und Religionsfreiheit. Schließlich sorgt die Kraft der Liebe für ein glückliches Ende. Man kann Studio Hamburg nur danken, dieses kulturpolitische Ereignis über dreißig Jahre nach seiner Entstehung in schöner Aufmachung und guter Bild- und Tonqualität wiederbelebt zu haben. Ein einstündiges Gespräch des 1927 geborenen Egon Günther von 2011 ist als Extra angefügt. Er erinnert sich noch genau an den Auftrag, der eigentlich eine urkommunistische Geschichte erzählen sollte, die unaufgeregte Stimmung am Set und die künstlerische Freiheit, die man ihm gewährte. (Johannes Kösegi) alle Rezensionen von Johannes Kösegi ... 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