Despair
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Rezensionen / Kritik / Filmkritik zu Despair:
Hermann Hermann ist wohlhabend, hat eine große Wohnung, ein eigenes Auto und eine schöne Frau. Als Besitzer einer Schokoladenfabrik versteht er das wirtschaftliche Denken, hält sich aber aus politischen Dingen heraus. Doch er hat ein Problem: Sein Leben langweilt ihn und deshalb versucht er zu fliehen, um einen Neuanfang zu machen. Intellektuell fühlt er sich jeder Person in seiner Umgebung überlegen, seien es seine ungebildete Frau, deren Cousin oder die Mitarbeiter seiner Fabrik. Der Wunsch sich von seinem alten Leben loszulösen und ein neues anzufangen, wird immer größer. Als Hermann zufällig den, ihm ähnlich sehenden, Landstreicher Felix kennenlernt, scheint er eine Lösung für sein Problem gefunden zu haben. Er plant einen Rollentausch. „Despair – Eine Reise ins Licht“ ist in erster Linie ein ausgefeiltes Drama über einen Menschen, der seines Wohlstandes überdrüssig geworden, erkennt, dass ihn jeder aus seinem Lebensumfeld langweilt und er eigentlich nur aus seinem Alltag ausbrechen will. Drehbuchautor Tom Stoppard liefert in diesem Film aber weit mehr, als nur eine gute Charakterstudie über Hermann. Das Drehbuch, basierend auf dem Roman von Vladimir Nabokov, bettet den Konflikt des Intellektuellen in den gesellschaftlichen und politischen Konflikt zu Beginn der 30er Jahre, allerdings ohne diesen zur vordergründigen Handlungsebene zu machen. Mittelpunkt bleibt nach wie vor Hermann. Doch seinem Versuch, sich aus den alten „Fesseln“ zu lösen und einen Neuanfang zu starten, steht gleichzeitig das Verlangen der Deutschen entgegen, sich aus der Weimarer Republik und dem Versailler Vertrag zu lösen. Während sich Hermanns Charakter immer mehr dem Wahnsinn nähert, entwickelt sich parallel dazu die politische Lage hin zum Faschismus. Es ist also unverkennbar, dass „Despair – Eine Reise ins Licht“ weniger ein erzählender, als ein aufarbeitender Film ist. Nicht selten nutzte Fassbinder das Medium Film, um zu reflektieren und zu erörtern. Er benutzt Hermanns Charakter nicht nur als Protagonist sondern als menschgewordene Veranschaulichung des geschichtlichen Wandels. Trotzdem bleibt der Charakter nicht austauschbar, da er seine eigenen Beweggründe und Motivationen hat. Doch die Unzufriedenheit und der letztendliche Verfall in den Wahnsinn verweist stets auf die geschichtlichen Parallelen. Somit ist Fassbinders Werk bei genauerem Hinsehen ein gesellschaftskritischer Film, der das ganze Potential seines Drehbuchs entfaltet. Neben der doppelbödigen Handlung beeindruckt vor allem Fassbinders Cast. Dirk Bogarde meistert den Wandel des Protagonisten Hermann mit Bravour. Dank Drehbuch bekommt Bogarde die Möglichkeit sehr viel aus seiner Rolle herauszuholen und agiert dabei sehr überzeugend. Andréa Ferréol und Klaus Lowitsch können in den Rollen von Hermanns Frau und seinem Doppelgänger ebenfalls überzeugen. Die Charakterbeziehungen werden gut herausgearbeitet und Fassbinder versteht es auch, die Nebenrollen nicht zu vernachlässigen und legt neben der Figurenzeichnung Hermanns auch Wert auf die Figuren um ihn herum. Doch nicht nur auf inhaltlicher und darstellerischer Ebene überzeugt Fassbinders Werk. Denn handwerklich ist der Film ebenfalls vielsagend. Die Grenzen zwischen Realität und Hermanns Visionen verschwimmen schon in der ersten Szene und auch im weiteren Verlauf des Films demonstriert Fassbinder sein inszenatorisches Können in den dezenten Aufnahmen von Kameramann Michael Ballhaus. Der einheitliche ruhige Rahmen des Film und die schon fast passive Beobachtung des Geschehens rückt die Charaktere noch viel mehr in den Vordergrund und ist ein Plädoyer dafür, dass der Inhalt deutlich über jegliche technischen Spielereien geht. Somit ist „Despair – Eine Reise ins Licht“ ein wertvoller Film, der in allen Bereichen ein wahrer Fassbinder-Film ist. (Matthias Hopf) alle Rezensionen von Matthias Hopf ...
Vladimir Nabokov, der 1899 in St. Petersburg geborene Schriftsteller, war einer der einflussreichsten Erzähler des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten dürfte von seinen Werken nach wie vor der Roman „Lolita“ sein, den er 1955 schrieb, der in seiner Wahlheimat USA allerdings erst drei Jahre später veröffentlicht werden durfte, weil er thematisch äußerst brisant war. Es ging darin um die skandalöse Affäre zwischen einem alternden Professor und der minderjährigen Tochter seiner Vermieterin. Noch heute benutzt man den Namen Lolita sprichwörtlich für frühreife Mädchen, die nicht mit ihren Reizen geizen. Aus der Frühphase Nabokovs stammt sein 1932 geschriebener Roman „Verzweiflung“ (Otčajanie), den Rainer Werner Fassbinder im Jahr 1978 als Vorlage für seinen ersten in englischer Sprache gedrehten Film nutzte.
„Despair – Eine Reise ins Licht“ ist in den späten 1920er Jahren angesiedelt, als die Weltwirtschaftskrise die Menschen in Existenznöte stürzt und den Nährboden für radikale Politiker wie die Nationalsozialisten um Adolf Hitler bereitet. Hermann Hermann (Sir Dirk Bogarde) ist ein Pralinenfabrikant, der die Rezession ebenfalls zu spüren bekommt. Auch privat ist er unglücklich, da er seine dralle Frau Lydia (Andréa Ferréol) für ungebildet hält und auch von den ständigen Besuchen von deren Cousin Ardalion (Volker Spengler) angeödet ist. Häufig steht Hermann regelrecht neben sich und beobachtet sein verkorkstes Leben, das ihm nichts mehr zu bieten hat. Als er auf einem Rummelplatz dem Penner Felix Weber (Klaus Löwitsch) begegnet, glaubt er in ihm sein perfektes Ebenbild zu erkennen. In Hermann reift der Plan, Felix umzubringen, die Leiche als seine eigene auszugeben und fortan unter der falschen Identität Felix Webers ein neues Leben zu beginnen.
Eine allzu stilisierte Verfilmung des Romans von Vladimir Nabokov, die lange Zeit in Oberflächlichkeiten und manierierten Dialogen stecken bleibt und erst in der zweiten Hälfte mehr Dramatik entwickelt. Aber auch dann bleiben Motivationen und Handlungsweisen schleierhaft. Dennoch ist der Film aufwändig produziert und detailliert in der Rekonstruktion einer Epoche. Vor allen Dingen Dirk Bogardes darstellerische Leistung bleibt im Gedächtnis haften. Für die DVD-Erstveröffentlichung des Films hat man diesen einer umfassenden Rekonstruktion unterzogen. Das Bild erstrahlt in gestochener Schärfe, ist durch keinerlei Alterungsspuren mehr beeinträchtigt. Der Ton liegt sowohl in der deutschen Synchronfassung als auch in der englischsprachigen Originalfassung in Dolby Digital 2.0 Mono vor. Als Extra hat man eine siebzigminütige Dokumentation von Robert Fischer mit aufgespielt, die unter dem Titel „Das Kino und sein Double – Ein Wiedersehen mit Rainer Werner Fassbinders ‚Despair’“ Beteiligte der rund 35 Jahre zurückliegenden Dreharbeiten wie Drehbuchautor Tom Stoppard („Brazil“, „Das Reich der Sonne“) oder Kameramann Michael Ballhaus zu Wort kommen lässt.
(Frank Brenner)
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Weitere Filminfos zu Despair: Originaltitel: Despair Land / Jahr: Deutschland 1977 Medien-Typ: DVD Bonusmaterial zu Despair:
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