Experiment, Das
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Moritz Bleibtreu Rezensionen / Kritik / Filmkritik zu Experiment, Das:
Aber ich bin wieder halbwegs versöhnt. "Das Experiment" ist spannendes, packendes und vor allem niveauvolles Kino. Das kriegt selbst Hollywood nur noch in Ausnahmefällen hin. Der Hintergrund ist ein mittlerweile 30 Jahre altes Experiment der Stanford University. Eine Gruppe von 20 Leuten wurde in zwei Hälften eingeteilt und in ein simuliertes Gefängnis gepackt, die eine Hälfte als Wächter, die andere als Gefangene. Nach dem vierten Tag musste das Experiment abgebrochen werden, weil sich das Verhalten einzelner Wächter bis hin zu vorsätzlichem Sadismus steigerte und die Haftbedingungen für die "Häftlinge" sich so verschlechtert hatten, dass das Experiment moralisch nicht mehr vertretbar war. "Das Experiment" übernimmt die Versuchsanordnung des realen Vorbilds ohne Ausnahme oder Erfindungen. Das simulierte Gefängnis war 1971 tatsächlich im Keller der Stanford-Universität (im Film hat die Uni Köln die Ehre), die Regeln für den Knastbetrieb sind exakt dieselben ("Gefangene dürfen sich nur mit Nummern anreden"), nur aus den $15 pro Stunde sind 4000 Mark für 14 Tage geworden. Naja, okay, man spricht da wohl von Inflation. Mario Giordano hat daraus ein empfehlenswertes Buch gemacht. Die Handlung startet entspannt - man fühlt sich als frischgebackener Häftling anfangs zwar etwas seltsam, aber das ist ja kein Grund, nicht irgendwelche Witzchen zu machen oder mit den Kameras zu spielen. Genau wie im Stanford-Experiment ist allerdings ziemlich schnell Schluss mit lustig. Anfänglich verlorene verbale Machtkämpfe wollen die "Strafvollzugsbeamten" nicht auf sich sitzen lassen und werden deshalb mit eisenharter Gewalt aktiv. Gewalt ist im Setting des Versuchs zwar verboten, aber wenn's keiner sieht, ist's ja okay. Und weil der Mann direkt vom Tier abstammt, ist eine gute Gelegenheit zur Erniedrigung, jemanden ordentlich anzupissen. Im Wortsinne. Wer so was nicht sehen mag, sollte den Film lieber auslassen – die komplette Palette denkbarer brutaler Gewalt wird durchexerziert. Da sie im Gegensatz zu einem Splatterfilm in realem Kontext stattfindet, verfehlt sie ihre Wirkung nicht und ist äußerst verstörend. Die Ereignisse des realen Experiments (übrigens sehr schön dokumentiert unter www.prisonexp.org) werden in den Film übernommen. Die Feuerlöscher-Aktion, das "alle ausziehen" und die Einzelhaftszenen sind in Stanford tatsächlich passiert. Der Ausgang ist natürlich fiktiv. Lustigerweise war auch 1971 einer der Teilnehmer Journalist. Schauspielerisch bewegt der Film sich auf extrem hohen Niveau. Prima Casting, der ohnehin sehr talentierte Moritz Bleibtreu wird allerdings von den beiden fabelhaften Christian Berkel und Oliver Stokowski fast an die Wand gespielt. Stokowski spielt die interessanteste Figur im Film, den einsamen, netten, melancholischen, auf Dauer aber nervenden "Büdchen"-Besitzer Schütte, der am Schluss natürlich, ach, Spoiler, tschuldigung. Edgar Selge kommt in seiner Darstellung sogar an Ed Harris in der "Truman Show" heran, wobei ich seiner Rolle ein wenig mehr Ausgestaltung gegönnt hätte. Aber so wird es wenigstens nicht pseudo-wissenschaftlich, das ist auch mal ganz angenehm. Timo Dierkes hatte das Pech, eine ziemlich stereotype Rolle als weichbirniger Elvis-Imitator (Ja, der Gag verreckt leider etwas) zu erwischen, aber das meistert er dennoch prima. Sehr interessant und im Filmverlauf unbemerkt auch die beiden Rollen, die sich stark verändern - die Nemesis des unauffälligen Wächters Bosch spielt Antoine Monot sehr intensiv und glaubwürdig, und auch für den im Filmverlauf von Berus ausgestochenen Kamps ist Nicki von Tempelhoff eine ausgezeichnete Wahl. Jürgen Vogel hätte ich gerne noch im Film gesehen, aber der musste ja "Emil und die Detektive" verbrechen. Das alles funktioniert hervorragend. Und bevor wir auf die wenigen Schwachstellen des Films kommen, muss deutlich gesagt werden, dass "Das Experiment" all das ist, was "Anatomie" sein wollte, aber in keiner Sekunde einlösen konnte: Spannend, beklemmend, anstrengend und vor allem hervorragend inszeniert. Oliver Hirschbiegel hat vorher eigentlich nur Murks fürs Fernsehen gedreht (Ja, ich fand "Todfeinde" Scheiße), umso überraschender ist, dass sein Kinodebüt vermutlich der beste Film ist, den der deutsche Mainstream seit Jahren auf die Leinwand gebracht hat. Eine andere Möglichkeit als "Daumen hoch" gibt es da gar nicht. Ich war sehr beeindruckt, und das passiert mir nur äußerst selten. Zu den Schwächen. Die Lovestory ist Scheiße, da führt kein Weg dran vorbei, und die letzten 15 Minuten sind es ebenfalls. Ja, also, die Lovestory. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was das sollte. Natürlich ist es hübsch, zwischen den ganzen männlichen Unflätigkeiten im schnellen Gegenschnitt das Draußen zeigen zu können, wo jemand sehr attraktives wartet und man den Kopf nicht vollgepinkelt bekommt. In Rückblenden hätte das sicher auch funktioniert, aber dass Maren Eggert (die zugegebenermaßen verflucht gut aussieht und auch keine Angst vor Nacktszenen hat) hinterher aktiv in die Geschichte eingreift, ist nicht nur an den Haaren herbeigezogen, sondern schlicht störend. Getreu dem Pornofilmwitz sicher eine Konzession an die weiblichen Zuschauer. Und das Ende ist dann auch für die Tonne. Da fehlte nur noch John McClane. Takeover der Einsatzzentrale, Kasernierung der Wissenschaftler, versuchte Vergewaltigung, eine völlig offensichtliche und holzhammermäßige Umkehrung der Rollen (Standardszene Nr. 36 am Schluss: Der sonst so besonnene Steinhoff würgt den bösen, bösen Berus "Du hast xyz umgebracht!!1111", Tarek legt im die Hand auf die Schulter "Es ist vorbei" - naja), Gehetze durch irgendwelche Katakomben, eingeschlagene Birnen und ziemlich eklige Schnittwunden. Da kommt dann der Actionfreund noch mal auf seine Kosten, aber befriedigend ist das nicht. Ein außergewöhnlicher Film hätte auch ein solches Ende verdient, aber man will ja auch was verkaufen, und diverse Testvorführungen haben vermutlich ergeben, dass die Tester die Schlußszene am Strand so toll fanden, dass man da nicht drumherumkam. Man kennt das ja. Andererseits, wie man so eine Geschichte nicht-trivial zum Abschluss bringen könnte, wüsste ich jetzt auch nicht. Vergleicht man Soll und Haben, ist die Abrechnung aber nicht schwer. Mit Recht hat der Film im Moment einen satten 9er-Durchschnitt in der imdb, und würde ich Punkte in Kritiken vergeben, dann wäre das auch meine Wahl. Viel gewollt, alles eingelöst, mehr kann man heutzutage nicht erwarten. Vielen Dank, und jetzt geben wir wieder ab an die Werbung. (Tim Kaiser) alle Rezensionen von Tim Kaiser ... Reminder, PDF-Datenblatt zu Experiment, Das, DVD:
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Weitere Filminfos zu Experiment, Das: Originaltitel: Das Experiment Land / Jahr: Deutschland 2000 Buch: Mario Giordano, Christoph Darnstädt, Don Bohlinger Medien-Typ: DVD Bonusmaterial zu Experiment, Das:
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