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Rezensionen / Kritik / Filmkritik zu Grosse Geschichten 57: Die Bertinis:
Nach Ralph Giordanos autobiographischem Roman. In seiner Reihe „Große Geschichten“ präsentiert Studio Hamburg mit „Die Bertinis“ eine ZDF-Produktion von 1988. Zu dieser Zeit war das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland bekannt für Produktionen höchster Qualität, was mittlerweile durch die allmähliche Anpassung an das Niveau des Kommerzfernsehens leider nicht mehr gegeben ist. Da derartige Produktionen fast gar nicht wiederholt werden, bieten diese DVD-Editionen die einzige Möglichkeit, sich mit zeitlosen Produktionen an die gute alte Zeit des Qualitätsfernsehens zu erinnern. Der insgesamt siebeneinhalbstündige Fünfteiler schildert ein typisches Schicksal einer deutsch-italienischen Familie aus Hamburg während des Zweiten Weltkriegs bis zur Befreiung im Mai 1945. Außer dem ZDF waren an der aufwändigen Vierländerproduktion noch der ORF, die SRG und der französische Kulturkanal La Sept beteiligt. Die hochkarätige Besetzung zeigt unter vielen anderen Hannelore Hoger, Peter Fitz, Gisela Trowe, Nino de Angelo, Drafi Deutscher oder Rosel Zech. Die Erstausstrahlung erfolgte zur fünfzigsten Erinnerung an die Pogrome gegen die Juden durch die Nazis. Die Handlung setzt bereits im 19. Jahrhundert ein, als der Großvater Giordanos, ein Trompeter, im Film Giacomo Bertini genannt, seine sizilianische Heimat in Richtung Hamburg verlässt. Er wird Kapellmeister eines Blasorchesters und heiratet eine Schwedin. Sein Sohn Alf Bertini, ein Berufsmusiker, heiratet die deutsch-jüdische Lea Lehmberg. Aus Liebe zu Alf verzichtet die talentierte Musikerin auf eine Karriere als Konzertpianistin und beschränkt sich auf privaten Klavierunterricht in ihrer Wohnung im Arbeiterviertel Barmbek. Aus der Ehe gehen die drei Söhne Cesar, Roman - er entspricht Ralph Giordano - und Ludwig hervor. Leas Familie und ihr Professor sind wenig begeistert darüber, dass sie einen italienischen Musiker heiraten möchte. Er wird zudem durch die Weltwirtschaftskrise für lange Zeit arbeitslos und kann nur für eventuelle bessere Zeiten zuhause Klavier üben. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialsten wird der Familie Bertini erst allmählich bewusst, was es heißt, Jude in Nazideutschland zu sein. Nie hatten sie sich um jüdische Traditionen gekümmert und waren auch nicht besonders politisch. Doch nach den Nürnberger Rassegesetzen sind die Bertinis eine „jüdisch versippte“ Familie mit halbjüdischen Kindern, weshalb Lea nicht mehr als Musiklehrerin arbeiten darf. Alf kann sich als Bordmusiker auf einem Passagierschiff auf der Strecke zwischen Hamburg und New York über Wasser halten. Mit Beginn der 1940er Jahre wird die Lage für die Familie immer schwieriger. Roman Bertini wird von der Gestapo abgeholt und schwer misshandelt, da er sich mit seiner Liebe zur Jazz-Musik verdächtig macht. Später wird er der Schule verwiesen und verliebt sich in die viel ältere Nachbarin Erika Schwarz. Nach den Bombenangriffen auf Hamburg ziehen die Bertinis aufs Land in Brandenburg. Zunächst werden sie dort freundlich aufgenommen, Alf arbeitet als Kirchenmusiker. Als Juden denunziert müssen sie jedoch bald wieder fliehen und kehren in die Hansestadt zurück. Die letzte Folge zeigt, wie die Familie untertaucht und sich in einem Keller versteckt. Die Lage wird dabei immer dramatischer, weil sie ständig befürchten müssen, von der Gestapo entdeckt zu werden. Außerdem gehen ihnen allmählich die Nahrungsvorräte aus. Doch schließlich kommt es zu einem glücklichen Ende, als die Briten Hamburg einnehmen und damit auch die Bertinis befreit werden. Am Ende kriechen fünf zerlumpte Menschen aus einem überschwemmten rattenverseuchten Keller hervor. Sie können noch gar nicht richtig wahrhaben, dass der Krieg endlich vorbei ist, als sie im Tageslicht das völlig zerbombte Hamburg erblicken. Neben einem ausführlichen Booklet ist das Hauptbonus dieser DVD-Edition ein fast einstündiges Gespräch mit Ralph Giordano von 2011, in dem sich der 88-Jährige zu seinem bewegten Leben äußert. Für ihn war die Befreiung durch die Briten am 4. Mai 1945 der Tag seines Lebens. Bereits damals hatte er geplant, ein Buch aus dem „Rohstoff seines Lebens“ zu machen. Über vierzig Jahre zog sich das Projekt hin. Erst 1982 erschien der 800-seitige Roman, der zu einem großen Erfolg wurde. Sogleich kamen zahlreiche Anfragen für Verfilmungen, sogar aus Hollywood. Den Zuschlag bekam schließlich Katharina Trebitsch, die selbst aus einer ungarisch-jüdischen Familie stammt. Giordano war sehr beeindruckt von dem Filmprojekt, wenn auch naturgemäß viele Kürzungen vorgenommen werden mussten. Hätte man das gesamte Buch komplett verfilmen wollen, wären über 40 Stunden Film herausgekommen. Im Gegensatz zum Film endet das Buch nicht mit der Befreiung, sondern mit den Tätern, die in Deutschland nach 1945 noch ungestraft weiter Karriere machen konnten. „Aus unseren Ateliers“ zeigt einige Aufnahmen von den Dreharbeiten, die in Prag, Hamburg und den DEFA-Studios in Babelsberg stattfanden. Regisseur und Autor Egon Monk aus der DDR konnte vor Öffnung der Mauer in dieser westlichen Produktion mitarbeiten. Der Brecht-Schüler und renommierte Theaterregisseur am Berliner Ensemble war für den überraschend verstorbenen Eberhard Fechner eingesprungen. Monk hat außerdem die Serie „Die Geschwister Oppermann“ inszeniert, in der ebenfalls das Schicksal einer jüdischen Familie in Deutschland geschildert wird. In 150 Drehtagen und mit einem Produktionsetat von 14 Millionen Mark wurde die Familiengeschichte der Bertinis gedreht. Der Perfektionist Monk lässt sich eineinhalb Stunden Zeit für eine Filmminute. Erfreulich ist, dass er auf Gewalt und Schockeffekte verzichtet. Immer wieder werden Zeitungsschlagzeilen und zeitgeschichtliche Originalfotos eingeblendet, was in einer zweiten Erzählebene die dramatischen Entwicklungen der „großen“ Geschichte ergänzt. Filme wie dieser sind heute der beste Geschichtsunterricht in den Schulen. (Johannes Kösegi) alle Rezensionen von Johannes Kösegi ... Reminder, PDF-Datenblatt zu Grosse Geschichten 57: Die Bertinis, DVD:
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