Deutschlands letztes Geheimnis: Walz und Wanderschaft
Fast 500.000 Jugendliche werden momentan im Handwerk ausgebildet. Zu wenig, beklagen deutsche Betriebe. Viele Jugendliche zieht es in vermeintlich modernere Bereiche wie die Medien oder sie versprechen sich von überfüllten Hörsälen eine bessere Zukunft. Dabei ist das Handwerk ein vielseitiger und vor allem spannender Wirtschaftsbereich, dem eine Jahrhunderte alte Tradition nicht verloren gegangen ist: die Tippelei.
Die Zahl der reisenden, zünftigen Gesellen unterlag schon seit den ersten Überlieferungen aus dem Mittelalter starken Schwankungen. Die Motivation, mindestens drei Jahre auf die Walz zu gehen, ging in den 1970er Jahren soweit zurück, dass reisende Handwerksburschen mit schwarzem Hut und Stenz eine Rarität auf deutschen Straßen waren. Doch das Traditionsbewusstsein der Handwerks-gesellen nahm wieder zu. Im Jahr 2005 waren zwischen 600 und 800 junge Männer und Frauen in ihrer Kluft auf Wanderschaft.
Die „Oi!Warning“-Regisseure und Ausnahmefilmer Benjamin und Dominik Reding siedeln ihr neues Drama in der geheimnisvollen Welt der Wanderschaft an und werfen ein leidenschaftliches Schlaglicht auf das Leben jenseits jeder Sicherheit. Sie zeigen eine neue Sehnsucht der Jugendlichen nach Romantik, Herausforderung, Verbindlichkeit, Risiko und Mut zur Verantwortung. Sie sind stolz auf ihr Außenseitertum, auf überlieferte Traditionen, auf Aufbruch und Begehren. Eine gelebte Antithese zu allen modernen Mythen von Erfolg und materieller Berechnung.
„ES WAR DIE SCHÖNSTE ZEIT IN MEINEM LEBEN.“
Äußerungen wie diese finden sich in fast allen Reisebeschreibungen ehemaliger Wandergesellen. Aber Wanderschaft, das Leben auf der Walz, ist weit mehr als die romantische Vorstellung von Sonnenuntergang und Lagerfeuer, von fröhlichen braungebrannten Burschen auf einsamen Landstraßen zwischen rauschenden Wäldern und wogenden Kornfeldern.
In Deutschland existieren sechs Gesellenbruderschaften. Alle haben eigene Regeln, Riten und Umgangsformen, aber auch gemeinsame Traditionen. Auf Wanderschaft gehen darf jeder ausgelernte Handwerksgeselle, der ledig, schuldenfrei, unter 30 Jahren und ohne Vorstrafen ist. Die Zimmerleute, Maurer, Tischler, Steinmetze oder Betonbauer sind zwischen zwei und drei Jahren und einem Tag als Wandergesellen auf der Straße unterwegs. Während der Walz darf sich der Geselle seinem Heimatort nur bis auf 50 Kilometer nähern. In seinem Reisebündel, dem Charlie, und der streng festgelegten Kleidung, der Kluft, trägt er seinen gesamten Besitz: Das Wanderbuch, ein paar Kleidungsstücke, etwas zu lesen, Landkarten, vielleicht noch eine Taschenuhr, etwas Briefpapier, sonst nichts. Handys sind verboten.
EINE EIGENE SPRACHE
„Und wer mit Dir keinen Stiefel schmoren will, der gehört ausgeflaggt!“ Ein Kompliment in Gesellensprache, wie es Festus im Film FÜR DEN UNBEKANNTEN HUND seiner großen Liebe, der Steinmetzgesellin Leila, macht. Für Kuhköppe (alle, die nicht auf der Walz waren) bleibt diese 500 Jahre alte Sprache unverständlich. Voller längst versunkener Begriffe und Redewendungen und Einflüssen von Randständigen, also Dieben und Landstreichern, ist sie eine echte Geheimsprache. Ob Jiddisches wie Tippelschickse, eine sehr kurzzeitige weibliche Begleitung eines Wandergesellen, oder Rotwelsches wie Zinken, die Markierung an Haustüren, ob man dort betteln kann oder nicht – nicht alles, was geschnackt wird, sollen die Umstehenden auch verstehen.
FRAUEN AUF DER WALZ
Für sehr traditionell reisende, männliche Gesellen sind Frauen auf Wanderschaft ein heikles Thema. In vier der sechs Gesellenbruderschaften werden Frauen aus Prinzip nicht aufgenommen. Trotz Gleichheitsgrundsatz, EU-Recht und UN-Charta. Dabei waren sie schon mehrere Jahrhunderte unterwegs, bevor sie im patriarchalischen 19. Jahrhundert von der zünftigen Wanderschaft ausgeschlossen wurden. Erst seit 1982 sind Frauen wieder zugelassen und machen 10% der rund 600 – 800 deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellen und Gesellinnen aus, die 2007 auf Wanderschaft waren. Knapp 95% stammen aus klassischen Bauhandwerken, aber auch Gärtner, Klempner, Goldschmiede und echte Exoten wie Geigenbauer und Schneiderinnen finden sich unter ihnen.
FÜR DEN UNBEKANNTEN HUND, ein packendes Schuld- und Sühne-Drama um Deutschlands letztes Geheimnis, startet am 8. November 2007 im Senator Film Verleih.
bearbeitet von Patrick Fiekers • Permalink • Kommentare (0) • Kommentar schreiben »


