Horst Buchholz’ Affäre mit Romy Schneider, seine Liebe zu Männern, schwere Depressionen und die Freundschaft mit Billy Wilder: ‘Eins, zwei, drei’ – Ein genial komisches Gag-Feuerwerk mit James Cagney, Lilo Pulver und Horst Buchholz am 05. Januar 2008, 12.00 Uhr auf Tele 5
Tele 5: Christopher Buchholz, wissen Sie, wie das war, als Billy Wilder und Horst Buchholz sich zum ersten Mal trafen?
Christopher Buchholz: Das war in Hollywood. Billy Wilder saß in seinem Büro, mein Vater klopfte an die Tür und hörte dann von drinnen ein langgezogenes “Come i-i-n”. Man muss dazu wissen, dass Wilder einen starken Wiener Akzent hatte. Mein Vater sagte “Hello, nice to meet you.”, sehr britisch. Da legte Wilder gleich los: “What is it? You don’t speak English like we here.” Und das mit diesem witzigen Akzent, der ihm anscheinend gar nicht bewusst war. Nach ein paar Wochen kam mein Vater wieder, klopfte an der Tür, hörte Wilders ‘Come i-i-n’ und sagte im breitesten Amerikanisch: “Hi, Billy”.
Tele 5: Der Beginn einer Freundschaft?
Christopher Buchholz: Mein Vater hat Regisseure nie besonders respektiert oder bewundert, er hat vor allem sich selbst bewundert. Aber Billy Wilder und er, die beiden haben sich echt gefunden. Sie hatten denselben Humor und sie waren enge Freunde. Billy war wie ein zweiter Vater für ihn.
Tele 5: Hat er Ihnen was von den Dreharbeiten mit Wilder und James Cagney erzählt?
Christopher Buchholz: Für Cagney war es hart. Wilder hat den Film mit der Stoppuhr in der Hand inszeniert. Timing war alles und Cagney musste seinen Text wie mit der Maschinenpistole rausjagen. Alles wurde gestoppt und ständig hieß es ’schneller, noch schneller’. Man hat ihm dann auch noch überall Tafeln hingehängt, weil er unglaublich viel Text hatte. Mein Vater wiederum hat mal ein Wort gesagt, das nicht im Skript stand: ‘Well’. Da ist Wilder dazwischengegangen: ‘Wo bitte steht hier ‘well”? Er war sehr, sehr präzise.
Tele 5: Während des Drehs in Berlin wurde ja die Mauer gebaut und deswegen wurde in den Bavariafilmstudios noch mal nachgedreht.
Christopher Buchholz: In einer der Drehpausen hatte mein Vater in München einen Autounfall. Ein Fotograf war zufällig da, hat ihm die Uhr geklaut, Fotos gemacht und ihn einfach liegen lassen. Später hat der Fotograf meine Mutter angerufen, gesagt, dass er die Uhr hat und ein Interview im Krankenhaus machen will. Ansonsten würde er schreiben, dass mein Vater im Begriff ist zu sterben wie James Dean. Meine Mutter hat sich aber auf nichts eingelassen.
Tele 5: Wie ging es ihm wirklich?
Christopher Buchholz: Er wäre beinahe gestorben. Nach außen hin ging es ihm gut, aber die Ärzte haben seinen Bauch aufgemacht und was gefunden. Drei Tage lag er halbtot im Krankenhaus, aber danach hat er weitergedreht.
Tele 5: Hat Billy Wilder Horst Buchholz nach Hollywood geholt?
Christopher Buchholz: Ja, er ist nach Hollywood gegangen, weil Billy Wilder ihn treffen wollte. Die Rolle in ‘Eins, zwei, drei’ bekam er sofort, aber es hat dann noch lange gedauert, bis der Film gedreht wurde. Inzwischen hat mein Vater am Broadway gespielt und die Rolle in den ‘Glorreichen Sieben’ bekommen.
Tele 5: Mit welchen Regisseuren kam Ihr Vater noch gut aus?
Christopher Buchholz: Es ging immer gut mit Leuten, die Humor hatten. Wenders zum Beispiel. Mein Vater hat sich lange gesträubt, was mit ihm zu machen, er fand ihn zu intellektuell. Als er aber endlich doch mit ihm drehte, mochte er Wenders sehr. Auch bei Benigni war er zuerst skeptisch. Ich hab ihm gesagt: ‘Du musst da einfach mitmachen’ und dann kam er zurück und war total begeistert. Benigni war für ihn wie ein Kind, genau wie er selbst.
Tele 5: Hatte Horst Buchholz eigentlich eine Affäre mit Romy Schneider?
Christopher Buchholz: Keine Affäre, das war eine echte Liebesbeziehung.
Tele 5: Wurde über Heirat gesprochen?
Christopher Buchholz: Ich glaube die Mutter von Romy wäre dagegen gewesen. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter Horst Buchholz heiratet, einen Halbstarken…
Tele 5: Wäre die Karriere von Horst Buchholz anders verlaufen, wenn ‘Eins, zwei, drei’ sofort Erfolg gehabt hätte und nicht erst nach 20 Jahren?
Christopher Buchholz: Vielleicht, es hätte sicher geholfen, aber es sind verschiedene Sachen passiert. Er hatte drei, vier Flops hintereinander und das war schlecht. Als er nach Deutschland zurückkam, war hier das Kino tot oder sie wollten keine Stars.
Tele 5: War es für Sie ein Schock, als Sie erfuhren, dass Ihr Vater auch Männer liebt?
Christopher Buchholz: Ich habe es zuerst nicht gewusst, es kam langsam raus. Er ist dann nach Berlin gegangen, um dort mit seinem Freund zu leben. Ob es ein Mann oder eine Frau ist, das ist egal. Meiner Mutter hat es sehr wehgetan und das war schlimm. Er hat uns aber immer in Kalifornien besucht. Ich hatte nie das Gefühl, dass unsere Familie kaputt ist, sie war einfach anders.
Tele 5: Hat er am Schluss alleine gelebt?
Christopher Buchholz: Ja irgendwann ist sein Freund weggegangen und die letzten zwei Jahre lebte er allein.
Tele 5: Ihr Vater sah im Alter immer noch sehr gut aus.
Christopher Buchholz: Wie Vittorio Gassmann. Sein Gesicht hat sich geändert und wurde immer interessanter.
Tele 5: Am Schluss sagte er, er lebe nur noch in Deja Vues. Warum ist seine Energie erloschen?
Christopher Buchholz: Vielleicht, weil er so früh alles gehabt hat. Es war alles da, auf einem Präsentierteller. Und früher hat man für Schauspieler geschrieben, man hat sie begehrt und auf sie aufgepasst. Das tut man nicht mehr und das hat meinem Vater gefehlt.
Tele 5: Wie meinen Sie das?
Christopher Buchholz: Die Deutschen mögen ihre Stars nicht, da ist viel Neid dabei. Oder sie mögen sie schon, aber sie können es nicht so gut zeigen. Heute gibt es in Deutschland keine richtigen Stars mehr.
Tele 5: Wussten Sie als Kind, dass Ihr Vater ein Star ist?
Christopher Buchholz: Er wollte nicht, dass wir ihn auf der Leinwand sehen. Ein Vater ist schon etwas Großes, Besonderes und so wäre das ein Megading für uns geworden. Das wollte er nicht. Ich habe ihn nie im Kino gesehen, erst später.
Tele 5: Er hat seinen Beruf verheimlicht?
Christopher Buchholz: Irgendwann hat er mal Autogramme unterschrieben und ich habe ihn gefragt ‘was machst du da?’ Da hat er es mir erklärt. Es wurde bei uns nie viel über Schauspielerei geredet.
Tele 5: Aber es ist doch kein Zufall, dass Sie auch Schauspieler sind?
Christopher Buchholz: Doch. Ich wollte zuerst Taucher werden, hätte gerne mit Cousteau gearbeitet. Aber dann stand ich auf einer Bühne und habe gemerkt: Es macht mir Spaß und ich kann das, habe dieses Charisma.
Tele 5: Sie haben viel in Italien, Frankreich und den USA gearbeitet, unter anderem mit Starregisseuren wie Michelangelo Antonioni. Was sind Ihre Zukunftspläne?
Christopher Buchholz: Ich werde jetzt mehr in Deutschland spielen. Gerade hatte ich eine Hauptrolle in dem Kinofilm ‘Helden aus der Nachbarschaft’ und eine Rolle in dem Event-Dreiteiler ‘Die Patin’. Zurzeit läuft es hier sehr gut, das freut mich und ich möchte es ausbauen. Ich lebe abwechselnd in Berlin, Frankreich und der Schweiz. Irgendwann muss ich mich entscheiden.
Tele 5: Werden sie auch als Regisseur arbeiten?
Christopher Buchholz: Sicherlich. Aber wir haben gerade ein Kind bekommen und für Drehbücher braucht man viel Zeit…
Tele 5: Hatten Sie selbst eine glamouröse Kindheit?
Christopher Buchholz: Wir hatten in Kalifornien einen Pool, das war toll für meine Schwester und mich. Aber wir waren privat, nicht viele Partys, obwohl mein Vater bekannt war. Die Amerikaner haben ihn sehr gemocht. Waren ihm treu. Aber im Herzen war er eben doch ein Berliner.
Tele 5: Woran ist er eigentlich gestorben?
Christopher Buchholz: Er hatte einen Oberschenkelhalsbruch und später eine Lungenentzündung. Menschen, die depressiv sind, essen auch nicht mehr. Und sein Problem war, dass er zuviel Charme hatte. Die Krankenschwestern haben ihm erlaubt, im Krankenzimmer zu rauchen. Wenn er sich mehr bewegt hätte und mal rausgegangen wäre. Wenn auch nur zum Rauchen…
Tele 5: Ihm ist alles zugeflogen
Christopher Buchholz: Er hatte diese unglaubliche Energie, dieses Charisma. Und er war sexy. So einen wie ihn hat es seitdem nicht mehr gegeben. Maximilian Schell sah auch gut aus, ist aber mehr ein Kopfmensch. Horst Buchholz sah super aus und war einfach ein guter Typ
Tele 5: Und ein guter Vater?
Christopher Buchholz: Ja, er war wie ein Kind – besser kann’s nicht sein. Sein Humor, das ist es, was ich am meisten vermisse. Seine Art die Welt zu sehen. Ich sehe Sachen und stelle sie auf den Kopf und das hatte er auch.
Tele 5: Haben Sie ein Beispiel für seinen Humor?
Christopher Buchholz: Er hat mal gesagt, wir sollen auf seinen Grabstein schreiben: “Hier liegt Horst Buchholz, der schon sein ganzes Leben lang gepennt hat.” Das ist ganz typisch für ihn, aber vielleicht ein bisschen “to much”. Wir haben uns dann für sein Lebensmotto entschieden: “Liebe die Welt und die Welt wird dich lieben.” Aber mich juckt’s immer noch in den Fingern, ich finde das andere viel lustiger.
Interview: Michaela Simon
Quelle: Tele 5