Slumdog Millionär – Bollywood
Bei der indischen Variante von „Wer wird Millionär?“ sitzt mit Jamal Malik ein junger Mann aus den Slums auf dem Kandidatenstuhl. Er schafft es, alle Fragen richtig zu beantworten und wird damit nicht nur zum Idol der Massen, sondern erregt auch das Misstrauen der Polizei. Herzerwärmende Aufsteigerstory.
Jahrelang gingen Hollywood und Bollywood, die indische Variante der kommerziellen Filmproduktion, streng getrennte Wege. Es kam kaum zu Überschneidungen zwischen den beiden so gegensätzlichen Welten, so gegensätzlichen Auffassungen von Kino und Film. Doch seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts hat hier ein Wandel stattgefunden. Bollywood versucht zunehmend, auch international Fuß zu fassen. Aus dem Grund hat man viele der überaus erfolgreichen Filme mit Shah Rukh Khan in Amerika angesiedelt, um dem westlichen Publikum mehr Identifikationspotenzial zu liefern. Gleichermaßen wagen sich westliche Filmemacher nach Indien, um ihre Geschichten in einem und über ein faszinierendes Land zu erzählen. Nach Florian Gallenberger („Schatten der Zeit“) hat nun Danny Boyle („The Beach“) Indien und Vikas Swarups Roman „Rupien! Rupien!“ für sich entdeckt.
Dieser erzählt darin die Geschichte eines vom Leben gebeutelten Jungen, der nach einer Hetzjagd auf Muslime zusammen mit seinem wenig älteren Bruder als Waise auf den Müllkippen Mumbais aufwächst. Eine Untergrund-Organisation entführt die Brüder und ihre neue, ebenfalls verwaiste Freundin Latika von dort, um sie professionell als Bettler einzusetzen. Jahre später hat die Vorsehung Jamal in die auch in Indien beliebte Fernsehshow „Wer wird Millionär?“ verschlagen, wo der Underdog die Herzen der Zuschauer erobert. Danny Boyle und sein Drehbuchautor Simon Beaufoy haben die etwas konstruierte, aber auf jeden Fall sehr zu Herzen gehende Erfolgsstory dynamisch und intelligent filmisch aufbereitet. Die einzelnen Fragen der Quizsendung und die Antworten Jamals werden gegen geschnitten mit Rückblenden in seine schwere Kindheit, die Erklärungen dafür liefern, warum er bestimmte Fragen beantworten konnte. Ebenso parallel montiert sind Szenen eines nicht den humanitären Bestimmungen entsprechenden Verhörs durch die Polizei, die nicht glauben können, dass Jamal das alles ohne Betrug schaffen konnte. Hinzu kommt eine liebenswerte Liebesgeschichte zwischen Jamal und Latika, die sich als Kinder im Müll erstmals begegnen, sich immer wieder unfreiwillig aus den Augen, jedoch nie aus dem Sinn verlieren. Natürlich muss man derartigem Gefühlskino aufgeschlossen begegnen, denn einiges ist schon dick aufgetragen und wirkt teilweise etwas bemüht konstruiert. Aber in Kombination mit der kraftvollen Musikuntermalung A.R. Rahmans, den fraglos erschütternden Einblicken in das erbärmliche Dahinvegetieren der Ärmsten der Armen und den überaus sympathischen Darstellerleistungen entstand hier ein sehenswerter und optimistischer Film. (5/6)
USA/GB 2008 (Slumdog Millionaire) Regie: Danny Boyle, Loveleen Tandan. Buch: Simon Beaufoy. Musik: A.R. Rahman. Kamera: Anthony Dod Mantle. Schnitt: Christopher Dickens. Produktion: Celador Films, Pathé, Film4. Mit: Dev Patel, Anil Kapoor, Madhur Mittal, Freida Pinto, Tanay Hernant Chheda, Ashutosh Lobo Gajiwala, Irrfan Khan. Prokino. 120 Min. Ab 19.03.2009 im Kino.
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