Probe einer Bachkantate mit John Eliot Gardiner
Der Engländer Sir John Eliot Gardiner gilt als einer der führenden Dirigenten für alte Musik, gespielt auf zeitgenössischen Instrumenten. Mit seinem Orchester „The English Baroque Soloists“ und dem „Monteverdi Choir“ hat wichtiges Chor- und Opernrepertoire von Barock und Klassik aufgeführt. Darüber hinaus hat er mit anderen Ensembles und großen Orchestern wie den Wiener Philharmonikern auch romantische und zeitgenössische Werke aufgeführt. Im Zentrum seines Schaffens stehen aber vorklassische Werke besonders von Johann Sebastian Bach. Im Bach-Jahr 2000 zum 250sten Todestag des Komponisten stellte sich Gardiner mit den Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir der bisher größten Herausforderung. Ein Jahr lang reisten sie auf einer „Pilgerreise“ durch Kirchen in ganz Europa und führten an jedem Sonntag die jeweiligen Bach-Kantaten auf. Den Auftakt bildeten im Dezember 1999 Weihnachtskantaten in der Herderkirche zu Weimar. Darunter war die prächtige Festmusik des BWV 63 „Christen, ätzet diesen Tag“. Sie wurde zuvor in den Londoner Abbey Road Studios für die Deutsche Grammophon Gesellschaft aufgenommen. Eigentlich war die ganze Pilgerreise in Zusammenarbeit mit dieser renommierten Tonträgerfirma geplant. Doch es kam zu Meinungsverschiedenheiten. Gardiner gründete sein eigenes Label Soli Deo Gloria und brachte nach und nach alle Konzerte heraus. So zog sich das Projekt bis zu seiner vollständigen Veröffentlichung zehn Jahre hin, die letzten CDs der 27-teiligen Edition erschienen erst Ende 2010.
Als ideale Ergänzung dazu erscheint jetzt bei Arthaus Musik eine DVD mit einem seltenen Filmdokument. Es erinnert an die Anfänge der musikalischen Pilgerfahrt und zeigt die Probenarbeit an der Kantate BWV 63 in den Abbey Road Studios in London. Gardiner und einige Musiker und Sänger kommen ausführlich zu Wort. Es sind allesamt perfekte Profis, die ihr Handwerk verstehen, seien es die extrem schwierig zu spielenden Naturtrompeten oder die polyphonen Linien der Gesangsstimmen. Dennoch hat Gardiner immer noch etwas zu verbessern. Auf die korrekte deutsche Aussprache legt er größten Wert. So wurde extra eine Sprachtrainerin eingesetzt, die der kosmopolitischen Sängerschar akzentfreies Deutsch beibringt. Das Ergebnis ist überzeugend. Das war in den früheren Aufnahmen des Weihnachtsoratoriums noch nicht so, als noch „verbahnet die Klage“ statt „verbannet die Klage“ gesungen wurde. Der Perfektionist Gardiner fordert alles von seinen Musikern. Das optimale Ergebnis gibt ihm Recht, doch der Weg ist nicht immer so leicht und tänzerisch swingend, wie das alles in den Aufführungen klingt. Die meisten Musiker, die zu Wort kommen, sind mit Gardiners Arbeit zufrieden, er lässt einem die Freiheiten die man braucht. Ein Sänger lobt, dass er vor einem Jahrzehnt noch autokratischer war, heute jedoch flexibler und sanfter ist. Bei den Proben sieht man, dass auch der so hochgelobte Monteverdi Choir bei den Proben an sich arbeiten muss, aber auf einem Niveau, das jeden Kirchenchorsänger staunen lässt. Der kritische Gardiner kennt keine Gnade und unterbricht oft, wenn man meint, dass es schon perfekt ist. „Das klingt wie ein Morgengottesdienst“ wirft er den Sängern einmal vor. Aber er kann auch loben, wenn einmal alles so klingt, wie er es sich wünscht. Er bevorzugt die in der Bachzeit rekonstruierten Instrumente, weil sie die von ihm geschätzte Leichtigkeit der Artikulation zulassen, wenn es auch in der technischen Ausführung eine höhere „Unfallgefahr“ gibt. Dieses Risiko muss man in Kauf nehmen. Er stammt selbst aus einer musikalischen Familie und hat früh Musik von Bach und Schütz kennen gelernt. In der deutschen Kirchenmusiktradition vermisst er jedoch Freude, Schwung und Leidenschaft der Bach-Musik. Deshalb legt er so großen Wert auf die Hervorhebung des tänzerischen swingenden Elements in seiner Musik, auch in den Passionen. Das soll aber nicht heißen, dass er bei der Kirchenmusik die notwendige Andacht vermissen möchte. Dazu bringt er das Bach-Zitat: „Bei andächtiger Musik ist immer Gott präsent“. Das gilt auch im sterilen Studio. Insgesamt gibt die DVD einen seltenen Einblick in die Probenarbeit des vielleicht weltweit besten Barockmusik-Ensembles und -Chores und zeigt, dass hinter dem großartigen Bach-Kantaten-Projekt auch nur Menschen stehen, wenn auch keine gewöhnlichen. Die CDs mit allen Bach-Kantaten dazu sind bei Soli Deo Gloria erschienen. Informationen dazu gibt es unter www.solideogloria.com.uk.
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Probe einer Bachkantate mit John Eliot Gardiner wurde bearbeitet von Johannes Kösegi • Permalink • Kommentar schreiben »












