Bachs Weihnachtsoratorium mit John Eliot Gardiner
Auftakt einer einmaligen Pilgerreise im Bachjahr 2000.
Der Engländer Sir John Eliot Gardiner gilt als einer der führenden Dirigenten für alte Musik, besonders von Johann Sebastian Bach, gespielt auf zeitgenössischen Instrumenten als Originale oder Nachbauten. Im Bach-Jahr 2000 zum 250sten Todestag des Komponisten begab sich der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Dirigent mit den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir nach jahrelanger akribischer Vorbereitung auf eine einmalige musikalische Pilgerreise. In 53 Wochen führten sie in über 80 Konzerten sämtliche Kirchenkantaten des großen Thomaskantors auf, an jedem Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres die dafür bestimmten. Es war eine logistische Meisterleistung und künstlerische Herausforderung, denn Bach fordert von den Musikern und Sängern das Äußerste. Neben den Vorbereitungen und Proben zu immer wieder neuen Konzertprogrammen kam der Reisestress quer durch Europa und schließlich nach New York. Die meisten Aufführungen fanden in deutschen und englischen Kirchen statt. Höhepunkt waren die Konzerte in mitteldeutschen Städten, in denen schon Bach gewirkt hatte, darunter Eisenach, Weimar, Köthen und Leipzig. Die ersten Konzertmitschnitte organisierte die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Nach Meinungsverschiedenheiten gründete Gardiner sein eigenes Label Soli Deo Gloria und brachte hier die meisten Kantaten heraus. 2010 erschienen die letzten CDs der 27-teiligen Edition. Gemeinsam mit den von der Deutschen Grammophon Gesellschaft aufgezeichneten Kantaten liegen nun endlich alle Konzerte der Pilgerfahrt als Tondokument vor. Quasi als Startschuss ertönten in der Herderkirche zu Weimar an Weihnachten 1999 die sechs Teile des Weihnachtsoratoriums. Sie sind nicht in der CD-Sammlung enthalten, wurden jedoch von der BBC Wales und Euro Arts Leipzig als Filmdokument aufgezeichnet und erscheinen als Doppel-DVD bei Arthaus Musik. Es ist die ideale Ergänzung zur CD-Sammlung, denn so kann man auch einmal sehen, wie engagiert die Bach-Pilger bei der Sache sind.
Im Gegensatz zu den unzähligen Aufführungen dieses Werkes von Laienchören ist die Besetzungsstärke von Gardiners Chor mit etwa 30 Sängern klein. Die Solisten gesellen sich wie bei Bach praktiziert in den Chören teilweise dazu. Der Monteverdi Choir gilt als einer der besten weltweit, der die Strahlkraft in den prächtigen Chören ebenso zur Geltung bringt wie die Innigkeit eines schlichten Chorals. Im Gegensatz zur Aufnahme von 1987 hat Gardiner, der selbst gut Deutsch spricht, seinen Sängern zwischenzeitlich die deutsche Aussprache auch durch Sprachtrainer beigebracht. So wird jetzt im berühmten Eingangschor „verbannet die Klage“ und nicht wie früher „verbahnet die Klage“ gesungen. Gardiner hebt die Leichtigkeit und das Tänzerische der Musik Bachs hervor, was er beim Dirigieren durch schwungvolle Bewegungen demonstriert. Der historisch unverfälschte Klang der Bläser klingt manchmal etwas hart, hat aber seinen Reiz. Besonders die Trompeter haben eine schwere Aufgabe auf ihren ventillosen Naturinstrumenten. Das Solistenensemble Claron McFadden, Bernarda Fink, Christoph Genz und Dietrich Henschel überzeugt mit schlanken schnörkellosen Stimmen. Die Hauptarbeit hat der Tenor Genz zu leisten. Er trägt die erzählenden und kommentierenden Worte der Evangelisten als Rezitative von der Kanzel vor, und hat noch einige schwierige Arien unten im Kreis der Musiker zu bewältigen. Der bestens aufgelegte Monteverdi Choir singt die virtuosen Chöre wie „Ehre sei Gott“ oder den Eingangschor im fünften Teil flott und brillant. Den dritten Teil kann man mit der „Angle“-Taste am DVD-Spieler aus zwei Blickwinkeln betrachten. Eine Perspektive zeigt immer den Dirigenten, wie er mit liebevollen Mienen und Gesten seine Musiker motiviert.
Als Extras sind zwei halbstündige Dokumentationen zur Pilgerreise enthalten. „Jauchzet frohlocket“ zeigt die Probenarbeit und stellt die einzelnen Teile des Weihnachtsoratoriums vor. Gardiner erwähnt die Kompromisslosigkeit von Bachs Musik, der immer das äußerste von Musikern und Sängern fordert. Letztlich geht es ihm nur um das Streben nach höherem Dasein. Nur wenige wissen, dass die Kantaten 50 Prozent seines Schaffens ausmachen. Ihre Bedeutung wird erst im 19. Jahrhundert entdeckt, vorher wurde seine Musik vor allem im Unterricht verwendet. Bach charakterisiert alle menschlichen Emotionen in seinen geistlichen Chorwerken, nicht wie Mozart in Opern. Die Dokumentation „Bach Revisted“ begleitet Gardiner auf den Spuren Bachs in Sachsen und Thüringen. Zusammen mit seiner Frau Isabella und einigen Musikern besucht er Gedenkstätten, so die Georgenschule in Eisenach, wo bereits Martin Luther Schüler war. In der Dorfkirche in Dornheim bei Arnstadt heiratete Bach seine Cousine Maria Barbara, was noch heute im Kirchenbuch bezeugt ist. Während des Besuches in der Leipziger Thomaskirche wird gerade eine neue Orgel eingebaut, die der Thomasorganist Ullrich Böhme erklärt. Vorbild war die historische Orgel in der Paulinenkirche, die 1968 von den Kommunisten gesprengt wurde. Die neue Orgel der Thomaskirche hat mechanische Register, das Prospekt ist fast 10 Meter hoch. In der noch nicht renovierten Wehrkirche von Pomßen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Das Schmuckstück ist die 1671 eingebaute Orgel, die noch aus der Renaissance-Zeit stammt und als älteste spielbare Orgel Sachsens gilt. Ohne die Wiedervereinigung wären viele der Gebäude noch heute Ruinen oder in einem schlechten Zustand. So kam das Bachjubiläum gerade zur rechten Zeit, als die meisten Renovierungsarbeiten in den Kirchen abgeschlossen waren.
Gardiner, seine Sänger und Musikanten haben mit ihrer Pilgerreise etwas von der Lebensleistung des großen Thomaskantors am eigenen Leib zu spüren bekommen, indem sie versuchten, den höchsten musikalischen Standard in bestmöglicher Aufführung zu verwirklichen. Die Organisationskunst Bachs war noch größer, denn er musste für jeden Sonntag eine neue Kantate komponieren und mit wahrscheinlich schlechteren Musikern aufführen. Der Zeitdruck war immens, denn die Noten mussten mit der Hand kopiert werden. Außerdem waren die Kirchen ungeheizt, und wie die meisten Kirchenmusiker bekam er kein Lob für seine Arbeit, dafür immer wieder Ärger mit dem unverständigen Rat der Stadt. Da hatten es die musikalischen Pilger um John Eliot Gardiner besser. Sie mussten nicht frieren und der Applaus in Weimar war ihnen nach jedem der sechs Teile gewiss, am Schluss sogar frenetisch wie bei einer Opernaufführung.
Die CDs mit den meisten Bach-Kantaten sind bei Soli Deo Gloria erschienen. Informationen dazu gibt es unter www.solideogloria.co.uk. (Johannes Kösegi)
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