Drei – Kritik von Matthias Hopf
Mit dem Experimentalfilm „Lola rennt“ gelang Tom Tykwer 1998 sein endgültiger Durchbruch. Der in Wuppertal geborene Regisseur konnte schon immer mit seinen Inszenierungen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nachdem er zuletzt mit der Bestsellerverfilmung „Das Parfum“ und dem Bankenthriller „The International“ zwei große Blockbuster außerhalb Deutschlands gedreht und produziert hat, kommt der Regisseur mit dem Filmdrama „Drei“ wieder in seine Heimat zurück.
Das Paar Hanna und Simon leben mittlerweile seit 20 Jahren in einer Wohnung in Berlin zusammen. Beide haben schon jede Menge durchgemacht. Schöne, sowie schwere Zeiten und sie befinden sich in der Mitte ihres Lebens. Beide sind intellektuell, modern und kulturinteressiert, was sich in ihren Berufen als Kulturmoderatorin und Kunsttechniker wiederspiegelt. Beide haben festgestellt, dass sie an einem Punkt in ihrem Leben angekommen sind, der sich Routine nennt. Da taucht Adam auf. Hanna lernt ihn auf einem Vortrag kennen und nachdem sich beide nochmals über den Weg laufen beginnt eine Affäre zwischen ihnen. Später treffen Simon und Adam zusammen und entdecken ebenfalls füreinander Gefühle.
Diese Dreiecksbeziehung stellt das Grundgerüst von Tykwers neustem Streich dar. Der Film handelt ausschließlich, wie es schon der Titel erahnen lässt, von drei Personen, die sich alle an einem Punkt im Leben befinden, wo sie sich selbst neu definieren. Filme, mit der Thematik der Selbstfindung, bieten viel Potential und interessante Aspekte, die eingebaut werden können. Tykwer steht also eine ganze Bandbreite von Motiven und Formen zu Verfügung, um seinen Charakteren Substanz zu verleihen, sie zu vertiefen und ihre Selbstfindung für den Zuschauer greifbar und erlebbar zu machen.
Doch Tykwer, der auch das Drehbuch schrieb, erfüllt seine Aufgabe nicht optimal. Zwar kann man nicht behaupten, dass er unter seinen Möglichkeiten bleibt, dennoch wirkt „Drei“ zu überladen. Der deutsche Regisseur versucht zu viel auf einmal, was darauf zurückzuführen ist, dass Tykwer eben nichts weglassen möchte, kein Potential verschenken möchte. Doch das, was herauskommt ist Produkt aus teilweise unausgegorenen Anfängen; eine Thematik oder Dramatik, die nie zu Ende gedacht wird, sondern irgendwann in der ruhig erzählten Handlung stehen bleibt und durch eine andere ersetzt wird.
So fädelt Tykwer gelegentlich kurze Schwarzweißaufnahmen ein, die künstlerisch sicherlich interessant sind, allerdings zusammenhangslos im Drama auftauchen und somit recht verloren wirken. Die Idee ist gut, doch Tykwer konzentriert sich nicht auf einen alles überspannenden Bogen, sondern freut sich lieber für kurze Zeit über sehr gute einzelne Momente. Zu diesen gehört auch die Anfangssequenz, bei der der Zuschauer nur dem Off-Kommentar ausgesetzt den Seilen einer Hochspannungsleitung folgt.
Dennoch ist „Drei“ weder langweilig, noch nervend. Selbst wenn der Gesamteindruck unstimmig ist, kann der Zuschauer in gewissen Szenen tatsächlich den Charakteren folgen. So könnte man den Film in unterschiedliche Abschnitte einteilen, die alle ein Teil der Charakterentwicklung darstellen. Nach jedem einzelnen Abschnitt, muss man sich neu hinein denken. So erlebt der Zuschauer kein ganzes Drama, sondern viel mehr kleine dramatische Geschichten, welche am Ende zusammengeführt werden. Im finalen Zusammenkommen verfällt Tykwer weder in eine, sich anbietende Klischeekomik, noch aufgesetzte Dramatik. Der Clou ist, dass Tykwer ernst bleibt und dramatisch und gekonnt den Film beendet. Ganz am Ende wird ebenfalls klar, dass „Drei“ durchaus mit ironischem Unterton betrachtet werden kann, was somit viel Situationskomik statt eintöniger Dramatik zulässt.
Tykwers Cast kann ebenfalls gelobt werden. Sophie Rois spielt in der Rolle der Hanna überzeugend und beweist zusammen mit Sebastian Schipper und Devid Striesow ihr Talent. Das Darstellerdreigespann ist eine gute Besetzung für die Hauptrollen und wird deren Ansprüchen gerecht. Die Inszenierung Tykwers erregte schon in seinen früheren Werken für Aufsehen. Auch in „Drei“ beweist der Regisseur wieder, dass er die Regeln des Inszenierens verstanden hat und bringt Spielereien, wie Montagen in geteilt, sich bewegenden Szenen in den Film mit ein.
Regisseur Tykwer inszeniert ein erwachsenes Drama über Selbstfindung, Lebenserfahrung und die Liebe. Tykwer versucht möglichst viele Aspekte in die Dreiecksbeziehung einzubauen, doch er schöpft letzten Endes nicht alle Möglichkeiten aus, indem er zu viele Aspekte einbaut, ohne sie wirklich auszubauen. Dennoch ist „Drei“ ein gut gespieltes, gekonnt inszeniertes und interessantes Drama.
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