DVD-Editionen als „Nebenprodukte“ von Zeitungsverlagen
Cineasten und Kinofreunde können sich freuen. Fast zeitgleich kurz nach der 60. Berlinale bringen Deutschlands bedeutendste überregionale Tageszeitungen besondere DVD-Editionen mit zum Teil bisher unveröffentlichten Filmen heraus. Zunächst kann man sich fragen: Wie kommt es dazu, dass Zeitungsverlage DVDs mit Spielfilmen anbieten? Ursprünglich war der Vertrieb von Büchern und DVDs als ein „Nebengeschäft“ einiger großer Zeitungsverlage aus der Not geboren worden. Denn mit der Zeitungskrise u. a. wegen dem Einbruch der Werbeumsätze zu Beginn des neuen Jahrtausends sah man durch die Diversifikation neuer Geschäftsfelder die Möglichkeit der Umsatzsteigerung oder Verkleinerung des Defizits. Eine verstärkte Leser-Blatt-Bindung war somit nicht die vorrangige Absicht dieser Vertriebsmaßnahme, sondern es sollten neue Kunden gewonnen werden. Vorreiter in Deutschland war die Süddeutsche Zeitung, die nach italienischen und spanischen Vorbildern zunächst Bücher, später dann verschiedene Editionen mit CDs und DVDs herausbrachte. Besonders diverse „SZ-Cinematheken“ – Filmeditionen mit Klassikern und Kultfilmen – wurden und werden vom Publikum hervorragend angenommen, und es wurden bereits über sechs Millionen Exemplare davon verkauft. Den Beginn machte vor fünf Jahren eine Edition mit 100 Lieblingsfilmen der SZ-Kinoredakteure. Später folgten Editionen mit amerikanischen Screwball Comedies, Kinder- und Jugendfilmen, Dokumentarfilmen, Leinwanddiven von Greta Garbo bis Julia Roberts, Politthrillern und spannenden deutschen TV-Thrillern, die im Fernsehen kaum noch wiederholt werden und deshalb umso größere Raritäten darstellen. Ein Nachteil dieser Serien ist, dass die Lizenzrechte des SZ-Verlags nur für einige Jahre gelten, so dass einige der älteren Editionen heute nicht mehr neu lieferbar sind, und sich vielleicht bald ein großer Tausch- und Gebrauchtmarkt unter Sammlern bilden wird.
Lange war die SZ nicht alleine auf dem Markt mit ihren DVD-Editionen. Als zweiter großer Anbieter und ernsthafter Konkurrent stieg neben anderen die Kulturredaktion des SPIEGEL in das DVD-Geschäft ein und vertreibt, meist in Zusammenarbeit mit Kinowelt, ebenfalls sehr interessante meist thematische Sammlungen. Als wäre es abgesprochen gibt es fast keine Redundanzen mit den SZ-Editionen, sondern sie ergänzen sich teilweise sogar. Das ist für den Konsumenten ein großer Vorteil, denn bei Abnahme der gesamten Editionen kann man einiges einsparen im Vergleich zum Einzelkauf. So brachte der SPIEGEL zwei Kollektionen mit je 50 Filmen heraus, nach den „50 besten guten Filmen“ die „Großen Kinomomente“. Darin ist eine sehr heterogene Mischung – von Dokumentarfilmen über Melodramen bis zum Horrorthriller – mit neueren Filmen der letzten Jahre enthalten, die höchstwahrscheinlich Kultstatus erlangen werden und die es schon heute lohnt, im Archiv zu haben. Zuletzt erschienen noch einige Serien mit je zehn Filmen: Klassiker, Literaturverfilmungen, Dokumentarfilme, Asiatisches und Englisches Kino. Sehr lobenswert sind bei allen diesen von Verlagen herausgebrachten Editionen die hervorragend geschriebenen Begleittexte von versierten Kinoredakteuren und das jeweils unverkennbare Verpackungsdesign. So werden ausführliche Informationen über die Regisseure, die besonderen Umstände während der Dreharbeiten und die Rezeption beim Publikum und bei den Kritikern geliefert.
Besonders die beiden genannten aktuellen Editionen, die aus Anlass der 60. Berlinale erschienen sind, verdienen Erwähnung. Die SZ bringt als neueste Serie ihrer Cinemathek die „Berlinale-Edition“ heraus. Sie enthält 22 ausgewählte Filmhighlights aus 60 Jahren Berlinale-Geschichte. Wie schwierig eine derartige Auswahl ist, zeigt die Tatsachte, dass allein in diesem Jahr etwa 400 neue Filme bei den Berliner Filmfestspielen gezeigt wurden. Das Spektrum an Genres ist bei den ausgewählten Filmen weit gestreut. Komödien wie „Die Ferien des Monsieur Hulot“ von 1953 bis zum dänischen Dogma-Realismus in „Italienisch für Anfänger“ aus dem Jahr 2000 oder Dramen wie „Die 12 Geschworenen“, das nicht jugendfreie Polanski-Opus „Ekel“, der opulente Kostümstreifen „Gefährliche Liebschaften“, Dustin Hoffman als Autist in „Rain Man“, das dreistündige Biopic „Nixon“, das Roadmovie „Die Farbe des Geldes“ und Clint Eastwoods Pazifik-Kriegsepos „Letters from Iwo Jima“ von 2006 als aktuellster Film. Die meisten der Filme wurden ausgezeichnet mit goldenen und silbernen Bären, manche liefen „nur“ im Wettbewerb, wie etwa Christian Petzolds Autorenfilm „Gespenster“. Zwei der bekanntesten „Skandal-Filme“ sind leider nicht enthalten: Michael Verhoevens „o.k.“, der 1970 durch die Amerikaner zum Abbruch des Festivals führte und Michael Ciminos „The Deer Hunter“, weswegen die Russen und ihre Satellitenstaaten 1978 demonstrativ das Festival verließen. Dennoch stellt die „Berlinale-Edition“ der SZ eine gelungene Mischung mit repräsentativen Höhepunkten der letzten 60 Jahre dar. Zu den 22 DVDs gibt es noch einen opulenten Bildband zur Geschichte der Berlinale.
Ebenfalls die Jubiläums-Berlinale nahm die Kinoredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Anlass, um unter dem Titel „Momente des deutschen Films“ erstmals eine Filmedition herauszubringen. Sie ist als erste Staffel einer langfristig geplanten Serie mit voraussichtlich 50 Filmen angelegt. Man kann es der FAZ nicht hoch genug anrechnen, dass sie sich speziell des deutschen Films annimmt, weil dieser durch den Abgang vieler Spitzenregisseure während des „Dritten Reiches“ und der daraus folgenden Hollywood-Dominanz oft noch zu wenig gewürdigt wird. Da die FAZ erst relativ spät in das DVD-Geschäft eingestiegen ist, konnte sie in Ruhe verfolgen, was die Wettbewerber bisher gemacht haben, und versucht noch einen zusätzlichen Mehrwert zu bieten. Denn als Bonus enthält jede DVD neben den obligatorischen ausführlichen Begleittexten ein unterhaltend-informatives etwa 20-minütiges „Filmgespräch“ eines Filmhistorikers mit einem FAZ-Kinoredakteur, das vertiefende Einblicke und die Sichtweise des Experten bietet.
Die FAZ-Serie will einen historischen Überblick von den Jahren 1928 bis 2000 bieten mit einigen exemplarischen Spitzenproduktionen von der Blütezeit der Weimarer Republik („Frau im Mond“ von Fritz Lang, „Menschen am Sonntag“ von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer) über die Ernüchterung der Nachkriegsjahre („Unter den Brücken“ von Helmut Käutner), der Blütezeit der DEFA („Solo Sunny“ von Konrad Wolf), dem Neuen Deutschen Film („Abschied von gestern“ von Alexander Kluge) bis zum Kino der Gegenwart („Bin ich schön?“ von Doris Dörrie). Es sind Kassenschlager enthalten wie „Die Katze“ von Dominik Graf mit Götz George als „Anti-Schimanski“ und eiskaltem Verbrecher, außerdem Ausnahmefilme wie „Supermarkt“ von Roland Klick oder Kultfilme wie „Die innere Sicherheit“ von Christian Petzold. Bemerkenswert ist dabei, dass Filme gewählt wurden, die die jeweilige geschichtliche Situation in Deutschland widerspiegeln, von einem Sonntagsausflug im Berlin der goldenen Zwanziger Jahre bis zur Flucht einiger Mitglieder der dritten RAF-Generation.
Eine ganz besondere Zugabe bietet als elfter Film die Dokumentation „Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte“. Es ist eine Entdeckungsreise durch über hundert Jahre Film in Deutschland, ausgehend von der Frage, was speziell den deutschen Film auszeichnet: Sprache, Landschaften, Schauspieler, im Gegensatz zum amerikanischen Film mit seiner Sehnsucht nach Ferne. Zehn „Paten“ wie Caroline Link oder Wim Wenders zeigen ihre Lieblingsfilme von „Nosferatu“ bis „Heimat“. Insgesamt gibt es Ausschnitte aus über 250 Streifen. Dieser Film beobachtet und dokumentiert nicht nur, sondern er wird zum eigenständigen Kunstwerk, einem Film-Essay mit viel Witz und Ironie, wenn etwa Dutzende von Szenen in kurzen amüsanten Schnitten zusammengefügt werden unter Überschriften wie: Rauchen, Blicke der Frauen oder Telefongespräche. Bei aller Problematik der Kanonisierung von Filmen ist den FAZ-Spezialisten hier eine treffliche exemplarische Auswahl an deutschen Kinofilmen gelungen und man darf gespannt sein, wie die Serie fortgesetzt wird.
Die genannten DVD-Serien sind am besten über das Internet zu bestellen bei: www.sz-shop.de, www.faz.net, http://shop.spiegel.de oder im Fachhandel erhältlich.
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DVD-Editionen als „Nebenprodukte“ von Zeitungsverlagen wurde bearbeitet von Johannes Kösegi • Permalink • Kommentar schreiben »



