DVD-Premiere „Carlos Kleiber – Traces to Nowhere“ bei Arthaus Musik
Einem schwierigen Phänomen und genialen Musiker auf der Spur
Er scheute die Öffentlichkeit, gab keine Interviews und ließ bei seinen Konzerten fast nie Kameras zu. Außerdem ließ er geplante Konzert- oder Opernprojekte in letzter Sekunde platzen. Der Dirigent Carlos Kleiber (1930-2004) galt vielen als schwierig und unnahbar. Eric Schulz ist es 2010 in dem Filmessay „Carlos Kleiber – Traces to Nowhere“ gelungen, diesem Phänomen etwas näher zu kommen. Arthaus Musik bringt dieses seltene Filmdokument auf DVD heraus.
Carlos Kleiber – Traces To Nowhere
Möglich wurde die Spurensuche durch die Unterstützung von Carlos Kleibers Schwester Veronika und einiger künstlerischen Weggefährten, die rückblickend von ihren Erlebnissen berichten. So erfährt man zwar wenig über Kindheit und Ausbildung oder seinen etwas mysteriösen Tod, jedoch über den Menschen Carlos Kleiber mit seiner charismatischen Ausstrahlung, der aus den Musikern das Letzte herausholte. Unvergessen und unerreicht sind seine Aufnahmen von Beethovens Fünfter oder Brahms‘ Vierter mit den Wiener Philharmonikern, ebenso Opernaufnahmen von „Der Freischütz“, „Tristan und Isolde“, „Die Fledermaus“ oder „Der Rosenkavalier“. Klein war sein Repertoire, aber die Qualität war unerreicht. Wenige Probenausschnitte mit alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind von ihm überliefert. Der Film zeigt nahezu synchron einige Reaktionen darauf von ehemaligen Kollegen wie Brigitte Fassbaender, Plácido Domingo, Otto Schenk, Michael Gielen, zwei Musikern, einer Maskenbildnerin und einer Fotografin. Fernöstliche Weisheiten bedeuten Carlos Kleiber viel. Eine indische Weisheit besagt, dass die Arbeit zum Rauschgift werden solle. In China heißt es, man solle im Leben keine Spuren hinterlassen. Zum Glück gibt es noch einige Aufnahmen von ihm „für die Ewigkeit“ auf CD und DVD.
Die wenigen gefilmten Probenaufnahmen etwa vom „Freischütz“ in der Stuttgarter Staatsoper, zeigen, wie der Ausdrucksfanatiker Kleiber nach Luft ringend unter Hochspannung steht und diese Energie weiterzuleiten vermag. „Um die lange Note muss man kämpfen“ oder „Die Achtel sind zu nikotinarm im Rauch, sie müssen giftiger kommen“ sind typische Anfeuerungsversuche an die Orchestermusiker. So sehr er vor den Orchestern aufblüht, so scheu, verklemmt, kindisch und pubertär wirkt er auf seine Mitmenschen im Alltag. Dennoch ist er kein Kostverächter und hat viele Affären. Angeblich hat er unter seinem Vater Erich Kleiber, auch einem weltberühmten Dirigenten, gelitten. Dennoch schätzt er vor allem ihn und Herbert von Karajan, dessen Grab er bei jedem Salzburg-Besuch aufsucht, auch mitten in der Nacht. Seine legendären Gesten am Dirigentenpult mit der besonderen Aura seiner Armbewegungen scheinen wie vor dem Spiegel choreographisch einstudiert. Er ist ein Meister der Rubati und Übergänge, was sich besonders in den zwischen Heiterkeit und Traurigkeit wechselnden Strauß-Walzern zeigt. Die Musikerkollegen bedauern, dass er nur so wenige Stücke im Repertoire hatte. Aber durch die Qualität seiner Aufführungen ist sein Marktwert so hoch, dass er gut davon leben kann. Einige behaupten, dass er später nur noch dirigiert, wenn er gerade mal wieder Geld braucht.
Es scheint, dass sich Carlos Kleiber in seinen frühen Jahren körperlich derart verausgabt hat, dass er für einen Dirigenten relativ früh den Rückzug antrat, weil er seinen hohen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden konnte. Ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau zieht er sich von seiner Grünwalder Villa in ein slowenisches Bergdorf zum Sterben zurück. Die Öffentlichkeit erfährt von seinem Tod erst nach seiner Beerdigung. Gegen dieses dezente Porträt hätte er sicher nichts eingewendet, denn es versucht nur, dem Menschen Carlos Kleiber etwas näher zu kommen. Mit seinen wenigen musikalischen Interpretationen hat er sich auf CDs verewigt und wird damit auch in Zukunft für viele ein unerreichtes Vorbild bleiben.
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