DVD-Premiere „Den Wolken ein Stück näher“ über die Pubertät in der DDR
Realistisches Jugenddrama des DDR-Fernsehens.
Für viele Westdeutschen war die DDR ein exotisches und dennoch hochinteressantes Land. Leider drang aus Desinteresse oder Unwissen sehr wenig vom Alltag „drüben“ über die Zonengrenze. Umgekehrt war das ganz anders, denn im Osten wusste die Jugend gut bescheid über die westliche Gesellschaft und Kultur, oft mehr, als ihren Lehrern und Staatsorganen recht war. Das Westfernsehen leistete hier gute Dienste. Aber auch das DDR-Fernsehen produzierte nicht nur antiwestliche Propaganda, sondern gute Spielfilme und Serien, die wegen ihrer künstlerischen Leistungen und zeitlosen Thematik auch heute noch interessant sind. Das Deutsche Rundfunkarchiv in Babelsberg leistet wertvolle Dienste, wenn es allmählich den gesamten Bestand in hoher Qualität digitalisiert und auf DVD herausbringt. Sie werden über das Label „Icestorm“ und das „Studio Hamburg“ vertrieben.
1973 wurde Günter Görlichs Jugendroman „Den Wolken ein Stück näher“ unter der Regie von Christian Steinke als Zweiteiler für das DDR-Fernsehen verfilmt. Das Buch gehörte zum festen Bestandteil des Lehrplans in den Schulen, wurde in viele Sprachen übersetzt und fand Verbreitung im gesamten Ostblock. Die jetzige DVD-Premiere ist ein idealer Anschauungsunterricht für im Westen Aufgewachsene und nach der Wende Geborene, wie Schüler die Pubertät in der DDR erlebten. Es ist die Geschichte des Klaus Herper, dem Ich-Erzähler es Romans, dessen Voice-Over den Film erzählt. Zusammen mit seinen Eltern ist er gerade vom beschaulichen Potsdam in einen hässlichen Plattenbau in Berlin-Friedrichshain umgezogen. Sein Vater wird nach Jahren als Professor jetzt Ökonom in einer großen Maschinenfabrik. In seiner Klasse hat es Klaus zunächst schwer, Fuß zu fassen. Durch seine Kritik am Schraubenzählen beim Unterrichtstag in einer Firma macht er sich keine Freunde. Besonders mit Heinz Mateja, dem von allen geachteten Klassenprimus, kommt es immer wieder zu Streitereien. Mit guten sportlichen Leistungen kann er sich jedoch Respekt verschaffen. Nebenbei lernt er Karin kennen, mit der er einen Ausflug an den Müggelsee macht. Der beliebte Klassenlehrer Magnus (Kurt Böwe) lädt die beiden Streithähne Klaus und Heinz zu sich nach Hause. Seine Vermittlungen haben Erfolg und sie werden bald unzertrennliche Freunde. Bei einem Schulausflug nach Hiddensee mit Pferdekutschenfahrt und Lagerfeuerromantik wird Klaus sogar die Rolle eines Sicherheitsbeauftragten zugewiesen. Magnus erzählt den Schülern von seiner Klassenfahrt am selben Ort und wie er damals die Welt verändern wollte. Auch erinnert er sich noch an einen Marsch des linken Schriftstellers Majakowski.
Nach dem Ausflug stirbt Magnus überraschend. Seine Nachfolgerin, die junge und hübsche Anne Morgenstern, die gerne Miniröcke trägt, hat es anfangs schwer, sich bei den Schülern Respekt zu verschaffen. Es werden Spottverse an die Tafel geschrieben und man macht sich über ihr uneheliches Kind lustig. Klaus und Karin wollen ihr helfen, doch der mächtige Klassensprecher und FDJ-Funktionär Heinz hält nichts davon. Es kommt sogar zum Bruch der beiden Freunde Klaus und Heinz. Erst nachdem die beiden auf Morgensterns Vorschlag gemeinsam die Witwe von Magnus besucht haben, nähern sie sich wieder an. Aus Magnus‘ Tagebuch erfahren sie, dass er beide trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere schätzte. Am Ende bleibt offen, was aus den beiden und aus der Romanze zwischen Klaus und Karin wurde. Auch wenn der Film in ruhigen Bahnen und ohne allzu große Spannung verläuft, so zeigen doch interessante Details den Alltag von Jugendlichen in der DDR: Fahnenappell auf dem Schulhof in FDJ-Uniform, das Lied „Jugend erwache, erhebe dich jetzt“ zur Aufmunterung, die Großdemonstration für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, der Ausflug von Klaus und Heinz in dessen Datsche, eine Jugendparty mit Musik von Elton John oder die Silvesterfeier einer Arbeiterbrigade zusammen mit Klaus‘ Vater als Vorgesetztem. Abgesehen von solchen DDR-Spezifika wird hier ein realistischer Zustandsbericht von jungen Menschen in ihrer Pubertät gezeigt. Die manchmal schwierigen und unangenehmen Lernprozesse sind nicht an Ort und Zeit gebunden, weshalb dieser Film abgesehen von den damaligen Haar- und Kleidermoden keineswegs veraltet wirkt. Auch Lehrer können daraus lernen, wie sie einfühlsam mit Jugendlichen in diesem schwierigen Alter umgehen sollten, damit sie als Vorbild respektiert werden. Und das offene Ende bietet viel Raum für Fantasien und Gesprächsstoff. (Johannes Kösegi)
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DVD-Premiere „Den Wolken ein Stück näher“ über die Pubertät in der DDR wurde bearbeitet von Johannes Kösegi • Permalink • Kommentar schreiben »













