„History of the Organ“ erstmals komplett in einer DVD-Box
Eine anschauliche Geschichte der „Königin der Instrumente“ mit vielen Klangbeispielen.
Wer kann sich heute eine christliche Kirche ohne Orgel vorstellen? Seit Jahrhunderten gehört die „Königin der Instrumente“ in den Gottesdienst. Das war aber nicht immer so, denn ursprünglich galt sie als heidnisch. Ihr Urform ist eine Wasserorgel in Ägypten im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt. Im 9. Jahrhundert führten christliche Mönchsorden die Orgel in den kirchlichen Gebrauch ein. Kein anderes Musikinstrument ist so vielfältig im Aussehen und Klang. Die vierteilige französische Fernsehserie „History of the Organ“ von 1997 erzählt die Geschichte dieses wundervollen Instrumentes, zeigt die Schönheit seines Klangs und die Vielfalt der für sie komponierten Musik. Berühmte Orgelbauer demonstrieren die Bauteile einer Orgel, bekannte Interpreten stellen wichtige Kompositionen vor. Arthaus Musik bringt die informative Serie mit 212 Minuten Spieldauer erstmals komplett in einer Box mit 4 DVDs heraus.
Von den Mittelmeerländern aus breitete sich die Orgel allmählich in den Norden Europas aus. Die italienischen Orgeln aus dem 15. Jahrhundert hatten nur ein Manual. Ein bedeutender italienischer Komponist für Orgelmusik war in dieser Zeit Girolamo Frescobaldi, von dem die „Toccata per elevazione“ mit einem der menschlichen Stimme nachempfundenen Register zu hören ist. Italienische und französische Orgelbaumeister stellen die Pfeifenarten und das Innenleben einer Orgel vor. Es gibt Labialpfeifen, bei denen wie in einer Flöte eine schwingende Luftsäule den Klang erzeugt, und Zungenpfeifen, bei denen Metallplättchen in Schwingung versetzt werden und die wie Oboen oder Trompeten klingen können. Obwohl die Orgel mit Tasten wie ein Klavier gespielt wird, werden ihre Klänge wie bei Blasinstrumenten erzeugt. Die Windversorgung geschieht über Gebläse, früher von Hand betrieben, heute elektrisch, Winddruckregler und Windkanäle. Die Traktur verbindet mittels Holzleisten oder Seilen die Tasten mit den Ventilen in der Windlade unterhalb der Pfeifen. Der Spieltisch vereint bis zu fünf Manuale, die Pedalklaviatur und die Registerzüge. Mit Koppeln und Spielhilfen kann der Organist schnell und ohne fremde Hilfe die Registrierung ändern. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich spezifische Orgelschulen entwickelt. In Spanien bevorzugt man helle fanfarenartige Register, deren trompetenförmige Pfeifen horizontal aus dem Orgelgehäuse hervorragen. Von Antonio de Cabezón ist ein „Tiento“ zu hören, ein Art Präludium, bei dem die Imitationstechnik vorherrscht. Der Orgelbau in Frankreich im 15. Jahrhundert bevorzugt expressive Klänge mit Soloregistern. Als wichtige Komponisten gelten Nicolas de Grigny, François Couperin und Louis-Claude Daquin, von dem ein variiertes Weihnachtslied erklingt.
Die große Orgeltradition im deutschsprachigen Raum nahm ihren Anfang in Flandern und erreichte mit Johann Sebastian Bach den absoluten Höhepunkt der Orgelmusik. Auslöser dafür war vor allem die Reformation Martin Luthers. Neben dem gesprochenen Wort der Predigt bekommt die Kirchenmusik eine zentrale Bedeutung im protestantischen Gottesdienst. Die Instrumente der norddeutschen Orgelschule mit der Schnitger-Familie als berühmtesten Baumeistern zeichnen sich durch strahlende Mixturen sowie helle und volle Stimmen aus. Jedem Manual und dem Pedal ist ein eigenes Werk zugewiesen. In vielen Kirchen in Hamburg, Bremen, Lübeck, Hannover, Lüneburg, Celle, Cappeln oder Norden in Ostfriesland stehen noch erhaltene Orgeln dieser Tradition. Als wichtigster Orgelmeister vor Bach gilt Dietrich Buxtehude, Organist an der Lübecker Marienkirche. Außer seinem Einfluss hat sich Johann Sebastian Bach autodidaktisch viele Stile und Techniken angeeignet und einzigartige Kompositionen geschaffen. Als Hoforganist in Weimar schrieb er Präludien, Toccaten und Fugen, später als Kirchenmusiker Choralbearbeitungen für den Gottesdienst zur Einstimmung und Begleitung des Gemeindegesangs. Zu seinen bedeutendsten freien Werken zählen die sechs Triosonaten.
History Of The Organ Vol. 1 – Latin Origins
History Of The Organ Vol. 2 – From Sweelinck …
History Of The Organ Vol. 3 – The Golden Age
Nach diesem nie wieder erreichten Gipfel der Orgelmusik im 18. Jahrhundert führte die Orgel lange Zeit ein Schattendasein. Die Wiener Klassiker schrieben fast keine Orgelmusik, in der Romantik reicherten viele Komponisten den von Bach vorgegebenen Stil mit ihrer eigenen romantischen Tonsprache an. Schumann, Mendelssohn, Brahms, Liszt, Saint-Saëns, Vierne und Widor übertrugen sinfonische Musik auf die Orgel. Dementsprechend passte sich der Klang der romantischen Orgeln immer mehr einem Sinfonieorchester an. Der französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll hat viele bedeutende Instrumente dieser Art gebaut hat. In Italien gab es Orgeln, die den Opernstil mit Pauken und anderem Schlagwerk nachempfanden. Neben Widor, von dem die berühmte Toccata aus der 5. Orgelsinfonie erklingt, war César Franck der bedeutendste französische Orgelkomponist im 19. Jahrhundert. In Deutschland schuf Max Reger in der Tradition von Bach und Brahms klanggewaltige Werke, die die harmonischen Möglichkeiten der tonalen Musik bis an ihre Grenzen ausreizen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte sich die Orgelbewegung mit Albert Schweitzer als bedeutendem Vertreter gegen die technischen Erweiterungen der romantischen Orgeln (Koppeln, Schwellwerk, Crescendowalze). Man wollte zurück zur Barockorgel mit hellen Mixturen und bläserbetonten Klängen, um die polyphonen Linien einer Bach-Fuge transparent zu machen. Auf diese Art wurden viele romantische Orgeln genauso zerstört wie früher die alten Orgeln für das romantische Klangbild. Als Kompromiss wurden neoklassische Orgeln für alte und moderne Musik gebaut, wie zum Beispiel die Orgel der Hofkirche in Luzern. Das gewaltige Instrument verfügt über fünf Manuale und ein 32-Fuß-Register mit einer 11 Meter langen Pfeife. Trotz ihrer Größe verfügt jedes Register über eine mechanische Traktur, die den individuellen Stil eines Organisten am besten in Klänge übertragen kann. Die bekannte Organistin Marie-Claire Alain spielt einige Kompositionen ihres Bruders Jehan Alain und von Olivier Messiaen, einem wichtigen Vertreter der französischen Orgelschule des 20. Jahrhunderts.
Fazit: Eine interessante Reise durch Jahrhunderte, Landschaften und Musikstile. Aus deutscher Sicht stört vielleicht die eher französische Sichtweise. Das „Goldene Zeitalter“ der norddeutschen Orgelschule, besonders Johann Sebastian Bach, kommt etwas zu kurz. Seine Orgelmusik ist unübertroffen und hat einen unschätzbaren didaktischen Wert, vom Orgelbüchlein über die „Clavierübung Teil III“ bis zu den Triosonaten. Man hätte sich noch mehr Informationen gewünscht über Bachs Vorbilder wie Scheidt, Bruhns, Pachelbel oder Böhm. Dafür werden französische Zeitgenossen wie Marchand und de Grigny genannt. Von Bach selbst werden nur wenige Werke vorgestellt und nicht die besten. Einige Takte von Präludium und Fuge in Es-Dur aus der „Orgelmesse“ sind ohne Erklärung immer im An- und Abspann zu hören. Außerdem werden Bachs Epigonen wie Schumann, Mendelssohn oder Brahms nur kurz erwähnt. Dafür werden im 20. Jahrhundert außer Reger nur französische Komponisten vorgestellt. Leider gab es mit wenigen Ausnahmen wie David, Micheelsen, Peeters oder Distler nicht mehr viel Neues. Die große Zeit der Orgelmusik scheint endgültig vorbei zu sein. (Johannes Kösegi)
Ähnliche Beiträge:
Musik bei Arthaus: HISTORY OF THE ORGAN
History Of The World Heavyweight Championship (3er DVD) – Wrestling
ProSiebenSat.1 übernimmt die Online-Videothek maxdome komplett
“Pontius Pilatus” erstmals ab 4. Juni auf DVD!
Deutsch-französischer Journalistenpreis prämiert Autoren einer ARTE-Koproduktion
„History of the Organ“ erstmals komplett in einer DVD-Box wurde bearbeitet von Patrick Fiekers • Permalink • Kommentar schreiben »













