“Irreversibel” mit Monica Bellucci
Der Abspann eines Films kriecht langsam und in entgegengesetzter Richtung über den Bildschirm. Im Hintergrund pulsiert ein tiefes Grollen, das entfernt an eine verzerrte Sirene erinnert. Das Schriftbild des Abspanns kippt zur Seite und die Kamera öffnet ihr Auge in die Nacht einer Großstadt. Sie ist völlig halt- und orientierungslos, scheint über keinen Gleichgewichtssinn mehr zu verfügen. Sie findet sich in einem winzigen Zimmer wieder, in dem ein Mann (Philippe Nahon, noch einmal als die Figur, die er 1998 in Noés „Menschenfeind“ verkörperte) einem anderen von seinem Schicksal erzählt und ihm erklärt, dass die Zeit alles zerstört. Die Kamera will auf dem Gesicht des Mannes bleiben, gleitet aber immer wieder ab. Sie verlässt das Zimmer und stürzt sich einige Etagen tiefer in das „Rectum“, einem S/M Club in dessen tunnelartiger Finsternis homosexuelle Männer ihre Neigungen ausleben können. Die Kamera wird wie ein Ball hierhin und dorthin geschleudert, versucht jedoch einem völlig aufgebrachten Mann (Vincent Cassel) zu folgen, der auf der Suche nach einem Mann namens „Le Tenia“ (Der Bandwurm) ist. Der Mann ist Marcus und wir haben ihn nach dem Fenstersturz der Kamera bewusstlos auf einer Krankenbahre gesehen. Er wird begleitet von Pierre (Albert Dupontel), der versucht Marcus zur Vernunft zu bringen. Am Ende des Tunnels, wenn die Gewalt tief in den Eingeweiden der Stadt eskaliert, wird er es sein, der dem Gesuchten solange mit einem Feuerlöscher auf das Gesicht einschlägt, bis von diesem nur noch ein blutiger Krater übrig ist.
Herzlich willkommen bei Gaspar Noés „Irréversible“ (2002), einem Film, dem sein Ruf so weit vorausgeeilt ist, dass ich mich damals dagegen entschied ihn mir anzusehen. Die zwei abscheulichen Szenen des Films wurden mir über die Jahre immer wieder ungefragt hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass sich auch später bei mir keine Neugierde auf den Film einstellte. Durch Noés „Enter the Void“ (meine Kritik ebenfalls hier auf digitaldv.de), sieben Jahre nach „Irréversible“ sein aktuellster Film, hab ich angefangen mich für Noés Arbeit zu interessieren. Der 2011 DVD Re-Relase durch Almonde Film war daher eine gute Gelegenheit mich letztendlich doch mit dem „most-walked-out-movie-of-the-year“ (Newsweek) auseinanderzusetzen.
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