Le Fil – Die Spur unserer Sehnsucht
Die Kinder von Immigranten sind oft Fremde in beiden Ländern: dem ihrer Geburt und ihres Wohnsitzes und dem ihrer rassischen Abstammung. Denn sieht man ihnen ihre abweichende Herkunft an, bleiben sie im Land ihrer Geburt Fremde. Kehren sie ins Land ihrer Vorfahren zurück, müssen sie mit sprachlichen und kulturellen Fallstricken zurechtkommen, die sie auch hier als Fremde brandmarken. Nicht anders ergeht es Bilal (Salim Kechiouche), der aus Frankreich nach Tunesien zurückgekehrt ist und dort erst einmal richtig Arabisch lernen muss. Er arbeitet als Bediensteter bei der reichen Witwe Sara (Claudia Cardinale), deren Sohn Malik (Antonin Stahly) nach dem Tod des Vaters nun ebenfalls wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Zwischen den beiden jungen Männern aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die in einem arabischen Land erst recht unter keinem guten Stern steht. Ein wenig können die beiden die Scharade aufrechterhalten, weil Maliks lesbische Freundin Siryne (Ramla Ayari) mit ihrer Partnerin Leila (Abir Bennani) ein Baby möchte, und Malik als Ehemann auf dem Papier und als Samenspender in Frage käme.
Mehdi Ben Attia, der bislang hauptsächlich als Drehbuchautor (u.a. für André Téchinés „Weit weg“ und dessen gerade abgedrehtem „Terminus des anges“) in Erscheinung getreten ist, hat in seinem Langfilmdebüt eine Reihe gesellschaftlicher Probleme aufgegriffen und in einem stilvollen schwulen Liebesfilm vereint. Es geht um Standesunterschiede, um das Fremdsein im eigenen Land, um Homosexualität und um Abhängigkeiten von den Eltern, die es zu lösen gilt. Dabei räumt er der in Tunis geborenen Leinwandgöttin Claudia Cardinale eine schöne Altersrolle ein, die zwischen Zorn, Ohnmacht und Verständnis pendelt. Die Diva der 1960er Jahre hatte sich im Kino rar gemacht, steht derzeit aber wieder für eine ganze Reihe von Projekten vor der Kamera. Mehdi Ben Attia hat ihr und seinen gut aussehenden männlichen Hauptdarstellern interessante Rollen auf den Leib geschrieben, die er in langsamem Erzählduktus und in bestechend schönen Bildern umgesetzt hat. Auch das Titel gebende Band, dem im Film eine symbolische Funktion zukommt, hat der Erstlingsregisseur in einigen denkwürdigen Szenen visualisiert.
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