“Survival-Guide Landleben” zu IMMER DRAMA UM TAMARA
Weltweit nimmt der Anteil der Landbevölkerung immer weiter ab. Über die Hälfte aller Menschen auf der Erde lebt heute bereits in Städten. Hierzulande macht die ländliche Bevölkerung nicht einmal mehr ein Viertel aus. Und in England – der Heimat von Tamara Drewe in der neuen Komödie IMMER DRAMA UM TAMARA (Kinostart: 30.12.2010) – liegt der sogenannte „Verstädterungsgrad“ sogar weit über 80 %. Worin liegen die Gründe für diese Entwicklung? Hat die Landbevölkerung ein Image-Problem? Oder wird das Stadtleben schlicht immer attraktiver? Vielleicht birgt das Landleben mittlerweile auch einfach so viele Unbequemlichkeiten, Nachteile und Gefahren, dass man als moderner, urban orientierter Mensch ohne das passende Ratgeber-Handbuch dort gar nicht mehr überleben kann. Wie gut also, dass es den (natürlich nicht durchgängig ernst gemeinten) „Survival-Guide Landleben“ gibt.
„Tschuldigung, wir haben schon geschlossen!“
Nach Feierabend mal eben noch schnell in den Supermarkt zu huschen, um etwas fürs Abendbrot einzukaufen, kann man auf dem Land vergessen, denn der örtliche Minimarkt (so überhaupt vorhanden) schließt bereits um 16 Uhr. Montags und donnerstags sogar schon um 15 Uhr. Geöffnet wird gegen 9:30 Uhr – mittwochs bis freitags allerdings erst um 10. Außerdem ist über Mittag zwei Stunden geschlossen. Und an Samstagen kommt man nur alle zwei Wochen überhaupt rein, zwischen 11 und 11:30 Uhr. Wer es dann tatsächlich einmal schafft, dort einzukaufen, erfreut sich an mickriger Auswahl, überhöhten Preisen und abgelaufenen Verfallsdaten.
Darum merke: Öffnungszeiten auswendig lernen und Gekauftes vor dem Verzehr immer noch einmal genau in Augenschein nehmen!
Bus und Bahn als Sehenswürdigkeiten
Natürlich gibt es aus dem soeben beschriebenen ländlichen Einkaufs-Dilemma einen Ausweg: Das Auto. Mit ihm fährt man bequem zum nächsten Supermarkt und bekommt dort dann alles, was man haben möchte. Und bei guten Wetterbedingungen dauern Hin- und Rückfahrt zusammen nicht mal eine Stunde. Ja, auf das Auto ist man als „Dorfi“ auch ganz grundsätzlich extrem angewiesen. Denn die Fahrer von Bussen (ferner Regionalbahnen) haben meist ähnliche Arbeitszeiten wie die (zwei) Mitarbeiter des örtlichen Minimarkts. An den Wochenenden fährt in der Regel gar kein Bus nach irgendwo. Und unter der Woche nur dann, wenn gerade Kinder in die Schule gebracht werden oder von dort wieder nach Hause chauffiert werden müssen. Dann – und NUR dann – kann man den öffentlichen Personennahverkehr in jeweils eine bestimmte Richtung nutzen. Wie man später wieder zurückkommt, ist dann noch mal eine andere Geschichte.
Darum merke: Egal wohin es geht, fahr mit dem Auto!
Bekanntschaften mit der einheimischen Tierwelt
Wer sich schon immer gefragt hat, wie jene Situation, auf die das Verkehrsschild „Viehtrieb“ (darauf zu sehen: eine Kuh) aufmerksam macht, in der Praxis aussieht, sollte öfter Landstraßen in dünn besiedelten Regionen befahren. Dort, wo ein solches Schild steht, kann es passieren, dass Kühe oder andere Nutztiere die Straße überqueren. Das passiert unter Aufsicht und birgt daher wenig Gefahr. Anders sieht es da schon bei dem Verkehrszeichen mit dem springenden Hirsch aus, welches auf „Wildwechsel“ hinweist. Im Gegensatz zu Kühen tendieren Tiere, vor denen mit Hilfe dieses Schildes gewarnt wird, dazu, nicht nur blitzschnell, sondern auch unbeaufsichtigt die Straßenseite zu wechseln. So kann man sich als Landbewohner darauf einrichten, mindestens einmal pro Jahr wegen „Wildschadens“ mit der Kfz-Versicherung telefonieren zu dürfen. Von einer derartigen Naturnähe können Städter nur träumen.
Darum merke: In Waldgebieten maximal 60 km/h fahren und beide Augen offen halten. Und nein, mit dem Auto „erlegtes“ Wild darf man nicht einfach so mit nach Hause nehmen.
Hier kennt man wenigstens noch die Nachbarn – die einen aber auch…
Auf dem Land hält man zusammen. Wer in den Städten immer das Gemeinschaftsgefühl vermisst hat, bekommt hier nun die volle Ladung. Allerdings nur als Ortsansässiger – Fremde hingegen werden (von hinter den Gardinen) umso kritischer beäugt. Die richtigen Mitglieder der Dorfgemeinschaft genießen aber tatsächlich etliche Vorteile: Alle kennen sich persönlich, grüßen auf der Straße (man freut sich halt, wenn man mal andere Menschen sieht) und jeder passt auch ein bisschen auf den anderen auf. Einerseits ist das durchaus praktisch, so findet sich beispielsweise immer jemand, der während des Urlaubs auf dem eigenen Grundstück nach dem Rechten sieht. Andererseits entstehen durch die nachbarschaftliche Nähe oft auch privatsphärentechnische Nachteile. Gibt es zu Hause mal lautstarken Krach, weiß das innerhalb von zwei Tagen das ganze Dorf.
Darum merke: Bei häuslichen Streitigkeiten Fenster und Türen geschlossen halten!
Ich krieg’ Allergie
Während der urbane Heuschnupfler wetterberichtlichen Pollenflugalarm oftmals mit einem müden Lächeln abtut, bekommt sein ländlicher Leidensgenosse schon wegen der bloßen Meldung Atemnot. Inmitten blühender Wiesen und Felder helfen ihm auch die stärksten Heuschnupfen-Medikamente nichts. Nicht einmal im Haus ist er sicher, die Pollen dringen durch jeden noch so kleinen Schlitz zu ihm durch. Deswegen sehnt sich der allergische Landmensch in der Pollenflugzeit verständlicherweise nach der gänzlich unbegrünten Betonwüste der Großstadt.
Darum merke: Vor dem nächsten Sommer beim Arzt eine Heuschnupfen-Desensibilisierung machen!
Die 112 und das Hoffen
Wer abseits großer Städte wohnt, sollte gesundheitlich stabil sein. Für kleinere Wehwehchen gibt es selbstverständlich auch ortsnah (noch) Hausärzte. Doch sollte es in der Abgeschiedenheit mal einen echten Notfall geben, zu dem vielleicht sogar ein Krankenwagen gerufen werden muss, beginnen selbst überzeugte Atheisten nach dem Wählen der 112 zu beten. Glücklich sind dann die, die den Notarzt innerhalb der nächsten 60 Minuten zu Gesicht bekommen. Alle anderen… na ja, müssen halt improvisieren.
Darum merke: Heutzutage gibt es Defibrillatoren für den Heimgebrauch. Auf dem Land sicherlich keine schlechte Anschaffung!
Man soll die Feste feiern, wie sie fallen
Der trotz aller noch so starken Gemeinschaftsgefühle stets drohenden Dorfdepression begegnen die Menschen auf dem Land mit regelmäßigen Festen. So gibt es unter anderem ein Dorffest, ein Kinderfest, das Fest der Freiwilligen Feuerwehr, eine Fußballvereins-Feier sowie mehrere Feten des Jugendclubs und der Senioren (welche im Schnitt ca. 80 % der Dorfbevölkerung ausmachen). Unabhängig von der jeweiligen Bezeichnung geht es bei praktisch allen genannten Festivitäten letztlich fast immer nur darum, sich im Kampf gegen jene Depression unter Leidensgenossen möglichst hemmungslos zu betrinken.
Darum merke: Mach dich trinkfest!
Bauer sucht… so ziemlich alles
Vor allem männliche heterosexuelle Singles mit Familienplänen sollten gänzlich davon absehen, aufs Land zu ziehen. Denn dort herrscht massiver Frauenmangel. Doch auch für alle anderen ist die Auswahl stark begrenzt, oder um es anders zu formulieren: Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Abgesehen von einem passenden Partner sucht man in ländlichen Gebieten zudem viele andere Sachen ebenfalls vergebens. Museen, Kinos, Konzerte sowie jedwede gastronomischen Einrichtungen oberhalb des Bockwurst-mit-Kartoffelsalat-Niveaus sind hier praktisch nicht existent. Und neben all dem, ist natürlich auch eine Arbeitsstelle nur schwer bis gar nicht zu finden.
Darum merke: Werde freischaffender Künstler!
Das ländliche Survival-Kit
Die oben genannten Unzulänglichkeiten, Nachteile und Gefahren des „entlegenen Wohnens“ sind natürlich nur Teil einer nahezu endlos fortzuführenden Liste, welche die Gründe für die weiter zunehmende Verstädterung überdeutlich werden lässt. Um auf alle sonstigen Eventualitäten in ländlichen Gebieten vorbereitet zu sein, folgt an dieser Stelle noch eine Auflistung an Utensilien für den kleinen Landleben-Notfallkoffer, die man stets mit sich führen sollte: Taschenlampe, Gummistiefel, vier Handys mit jeweils unterschiedlichen SIM-Karten für die verschiedenen Netze, Insektenspray, Feuchttücher, Penicillin, Verbandmaterial, Wechselsocken, ein Zwei-Personen-Zelt, Campingkocher, diverse Konserven, einen Jahresvorrat Batterien, ein Seil, eine kleine Säge, viel frisches Wasser, Kompass, Zahnbürste.
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