TULPAN auf DVD
Matrose Asa möchte in der kasachischen Steppe Schafhirte werden wie seine Schwester und sein Schwager. Doch der Vorsteher will ihm nur eine eigene Herde gewähren, wenn er heiratet. Aber seine Auserwählte Tulpan mag seine Segelohren nicht und lehnt ab.
Das Nomadenleben in den unwegsamen Steppen im Norden Asiens fasziniert seit dem poetischen Streifen „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ insbesondere das aufgeschlossene deutsche Arthouse-Publikum. Etliche weitere Filme, die zwischen Jurten und Viehherden, zwischen der unendlichen Weite der Steppen und der Sehnsucht nach industriellen Errungenschaften angesiedelt waren, haben seitdem ihren Weg in unsere Kinos und auf DVDs gefunden. Die meisten von ihnen blieben dem märchenhaften Erzählstil treu, in den sich zwar immer wieder genaue Beobachtungen des Arbeitsalltags der rastlosen Hirten einfanden, die aber insbesondere für das hiesige Publikum auch als Schilderungen aus einer vergangenen Zeit, aus einer sagenumwobenen anderen Welt gelesen werden konnten. Sergey Dvortsevoy ist ein kasachischer Regisseur, der in seinen kurzen und halblangen Filmen am ehesten dem Dokumentarfilm verhaftet war, wenngleich sich auch früher bei ihm schon narrative Elemente fanden. In seinem ersten Langfilm „Tulpan“ verwischt er abermals die Genregrenzen und erzählt ein Coming-of-Age-Drama, das tief in den Lebensbedingungen in der kasachischen Hungersteppe verwurzelt ist.
Alles beginnt mit dem Brautwerben Asas, bei dem von dem jungen Matrosen fleißig Seemannsgarn gesponnen wird, mit dem es Tulpans Eltern zu überzeugen gilt. Die Braut selbst lässt sich nicht sehen und übermittelt später nur ihr „Nein“, weil ihr Asas Segelohren nicht passen. Damit entschwindet Asas Traum von einer eigenen Schafherde in weite Fernen, denn im weiteren Umkreis ist Tulpan die einzige in Frage kommende Frau. Asas Schwager Ondas ist nicht gut auf den Bruder seiner Frau zu sprechen, der sich in ihrer Jurte einquartiert hat und nur für Scherereien sorgt. Zudem hat Ondas Probleme mit seinen Tieren, die aufgrund von Unterernährung zunehmend Totgeburten erleiden. Insbesondere bei den Szenen mit den Tieren verliert „Tulpan“ seinen Spielfilmcharakter komplett. Wir beobachten eine Kamelstute, die ihr verletztes Jungtier nicht unbeaufsichtigt in den Händen des Tierarztes lassen will. Auch wird der Zuschauer Zeuge von zwei Schafgeburten, die ungeschönt zeigen, wie hart das Leben fernab der Zivilisation auch heute noch sein kann. Diese dokumentarischen Sequenzen, in denen die Schauspieler über ihre Rolle hinaus in den Kreis des Lebens eingreifen und mehr werden als nur die Protagonisten in einem Film, machen den besonderen Reiz dieses dichten Debütfilms aus. Auch ohne märchenhaften Erzählduktus gelingt es Dvortsevoy mit seinem Werk nicht weniger überzeugend, eine Poesie zu entfalten, die den Zauber des Kinos bis heute ausmacht.
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