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TV-Vierteiler „Johann Sebastian Bach“ neu auf DVD

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TV-Vierteiler „Johann Sebastian Bach“ neu auf DVD

Johann Sebastian Bach 150x203 TV Vierteiler „Johann Sebastian Bach“ neu auf DVDMit der DVD-Reihe „Große Geschichten“ vertreibt das Studio Hamburg klassische Literaturverfilmungen und große Mehrteiler der deutschen Fernsehgeschichte aus Ost und West. Viele der digital restaurierten Produktionen des DDR TV-Archivs bezeugen den hohen Qualitätsstandard des DDR-Fernsehens. Die Kulturschaffenden in Adlershof haben mit ihren Kollegen der DEFA einige ereignis- und personenbezogene historische Stoffe in aufwändigen Mehrteilern produziert. Bei internationalen Produktionen wurde auch in der CSSR oder in Ungarn gedreht und es wirkten Künstler dieser Länder mit. Nach einigen politisch-ideologisch motivierten Serien besann man sich in der DDR ab den 1970er Jahren zunehmend des nationalen kulturellen Erbes Mitteldeutschlands und würdigte großen Personen und Ereignisse zu Jubiläumsfeiern. Besonders die beiden größten Deutschen auf ihrem Gebiet, Martin Luther und Johann Sebastian Bach, verdienten dadurch die ihnen gebührende Anerkennung. Nach dem großen TV-Fünfteiler von 1983 über Martin Luther zu dessen 500. Geburtstag entstand 1985 der Vierteiler „Johann Sebastian Bach“ zu dessen 300. Geburtstag in Koproduktion des Fernsehens der DDR und Magyar Televízió, passend zu Bachs ungarischen Wurzeln. Regie führte Lothar Bellag, nach seiner vielgelobten Rolle als Luther spielte Ulrich Thein das mitteldeutsche Musikgenie ebenso überzeugend.

Man besetzte hier nicht wie in anderen verfilmten Biografien verschiedene Darsteller für den jungen und älteren Bach. Den damals 55jährigen Ulrich Thein konnte man nur begrenzt jünger machen, sodass Bachs Lebensgeschichte im Film erst ab seiner Zeit in Weimar gezeigt wird. Frühere bedeutende Ereignisse wie sein Fußmarsch nach Lüneburg zu Buxtehude erfährt man indirekt, wenn Bach seinen Kindern davon erzählt. Im Gegensatz zu Luther gibt es von Bach außer seinen Notenautographen wenig schriftliche Dokumente. Im Film werden einige markante Stationen in seinem nicht immer leichten Leben gezeigt, ständig begleitet von seiner schönen Musik, die zu zwei Dritteln eigens für dieses Filmprojekt von namhaften Bach-Interpreten der DDR eingespielt wurde. Immer wieder bekommt Bach Ärger mit seinen Dienstherren, von denen er finanziell abhängig ist. So wird er zunächst in Weimar Opfer zweier zerstrittener Herzöge, die seine künstlerische Entwicklung behindern. Nach dem berühmten geplanten Wettstreit mit dem französischen Cembalovirtuosen Louis Marchand findet Bach am Hof in Köthen eine Anstellung bei einem musikliebenden Fürsten. Als der jedoch eine „Amuse“ heiratet, wird Bachs Musik dort nicht mehr gebraucht, und er muss sich eine neue Stellung suchen. Beim Vorspiel in Hamburg ist er entsetzt, dass er sein Amt teuer erkaufen soll. Der dortige Pastor ist einer der wenigen Zeitgenossen, die schon damals erkennen: „Von diesem Bach wird man noch in Jahrhunderten reden.“ Zum Glück für die Musikgeschichte bekommt er schließlich die Stelle des Thomaskantors in Leipzig, wo er fast 30 Jahre bis zu seinem Tod bleiben wird. Hier schreibt er viele seiner besten und wichtigsten geistlichen Werke wie Passionen und Kantaten. Betrachtet man Bachs Leben, so verwundert es nicht, dass er wie kein anderer tief berührende und traurige Musik schreiben konnte. Der Tod war sein ständiger Begleiter. Früh ist er Vollwaise geworden, seine erste Frau stirbt sehr jung, auch viele seiner Kinder überlebt er. Mit seiner zweiten Frau Anna Magdalena, einer hervorragenden Sopranistin, erlebt er dennoch viele glückliche Jahre. Sie wird von Franziska Troegner gespielt, mit der ein Interview von 2009 als Bonusmaterial angefügt ist. Dieser Film hat nachhaltig ihr Leben auch privat verändert, denn sie und Ulrich Thein wurden im richtigen Leben ein Paar.

Die Hälfte der sechs Stunden Spielzeit ist Bachs Jahren in Leipzig gewidmet. Hier hat er es nicht leicht, immer wieder gibt es Ärger mit dem Rat der Stadt und dem Rektor der Thomasschule. Seiner Matthäus-Passion wirft man vor, dass sie zu opernhaft für die Kirche sei. Im letzten Teil sieht man ihn beim Besuch des Preußenkönigs Friedrich II. in Potsdam, wo sein Sohn Carl Philipp Emmanuel Hofcembalist ist. Jetzt entstehen seine drei großen Spätwerke, jeweils Gipfelpunkte ihrer Gattung, das Musikalische Opfer, die Kunst der Fuge und die Messe in h-moll. Nach seinem Tod bleiben Anna Magdalena und fünf Kinder mit ein Nachlass von nur 1122 Talern zurück. In der letzten Einstellung geht sie durch ein Kornfeld der Sonne entgegen, begleitet von dem „Et resurrexit“ aus der H-moll-Messe.

Mit hervorragenden Schauspielern und Bachs Musik als zweiter Hauptrolle ist Lothar Bellag ein filmisches Meisterwerk gelungen. Auf kleinste Details wird Wert gelegt. Ulrich Thein muss nicht gedoubelt werden, wenn er selbst Cembalo oder Orgel spielt. Früher hat er Musik studiert und für den Film seine Kenntnisse aufgefrischt. So werden lange Kamerafahrten ohne Zwischenschnitte von den Füßen am Orgelpedal über die Hände bis zum Gesicht des Meisters möglich. Der ungarische Kameramann András Szalai bevorzugt Nebeleffekte im Gegenlicht und lange Kamerafahrten. Überzeugend wird Bach hier nicht als ein weltentrückter Musikgott dargestellt, sondern als ein Mensch mit den üblichen irdischen Problemen. So sieht man ihn auch einmal beim Holzhacken. Trotz vieler persönlicher Verluste und ständigem Ärger mit der Obrigkeit war er ein lebensfroher und sinnenfreudiger Mensch, der zweimal heiratete und 20 Kinder zeugte. Diese beiden DVDs bieten einen audiovisuellen Kunstgenuss nicht nur für Musikliebhaber. Es ist zu hoffen und wünschen, dass noch weitere dieser kulturellen Schätze entdeckt und digital restauriert werden. (Johannes Kösegi)

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