Neuerscheinung bei Reclam in der Reihe „Filmgenres“: Sportfilm
Sowohl der Sport als auch die Filmkunst werden an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zu einem gesellschaftlichen Massenphänomen. Bereits in den frühesten Stummfilmen kommen sportliche Wettkämpfe vor, meist Boxkämpfe, da ihre räumliche und zeitliche Begrenzung den damaligen technischen Möglichkeiten des jungen Mediums entgegenkommen. Ein berühmtes Beispiel ist Charles Chaplins „Der Champion“ von 1915, dem frühesten besprochenen Film im neuen Band „Sportfilm“ in der Reclam-Reihe Filmgenres.
Viele der 58 vorgestellten Filme spielen im Umfeld der beliebtesten Profi-Sportarten Fußball, Boxen, Football, Baseball und Basketball. Problematisch bei der Auswahl ist, dass Sportfilme sich genretypisch nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, allein schon durch die sehr unterschiedlichen Sportarten mit ihren spezifischen Räumen und Regeln. Was Sportfilme besonders auszeichnet sind die meist vordefinierten Räume wie Boxring oder Spielfeld, denn sie bestimmen die Filmdramaturgie zum großen Teil mit. Filme mit fiktional erfundenen Sportarten wie „Rollerball“ werden hier nicht erwähnt. Meist handelt es sich um Subgenres wie Sportkomödien, Sportkrimis, Sportmelodramen oder Sportdokumentationen. Auch Experimentalfilme wie „Fußball wie noch nie“ oder Animationsfilme wie „Das große Rennen von Belleville“ sind erwähnt. Entscheidend für die Auswahl ist, dass der Sport die Struktur des Films bestimmt. Dazu passt der organisierte professionelle Wettkampfsport mit seinen Regeln besser als Freizeitsport, der eher eine Randerscheinung in einer Filmhandlung sein kann. So verwundert es nicht, dass die erwähnten Filme fast alle aus den USA, Großbritannien und Deutschland kommen, wo Sport als Geschäft mit Milliardenumsätzen betrieben wird. Als Kontrast zur totalen Kommerzialisierung des heutigen Sports können die neueren Biopics ehemaliger Sporthelden gesehen werden, die die „gute alte“ Zeit heraufbeschwören sollen. So lässt der Sport sogar die schweren Zeiten der Wirtschaftskrise vergessen, etwa in „Seabiscuit“, wo es um Pferderennsport geht. Ebenfalls schon nostalgisch ist der Dokumentarfilm „Höllentour“, eine Langzeitstudie des Teams Telekom bei der Tour de France von 2003, als die Welt im Radsport noch heil war.
In die fiktionalen Handlungen um die sportlichen Wettkämpfe werden gerne Dreiecksgeschichten eingeflochten. Auch das Verhältnis eines jungen Sporthelden und seinem väterlichen Trainer oder Betreuer rückt oft ins Zentrum des Geschehens. Außerdem wird mehrfach das gruppendynamische Verhalten innerhalb eines Mannschaftsgefüges thematisiert. Sportkomödien wie „Blühender Blödsinn“ der Marx-Brothers mit einem kindlichen Schürzenjäger als Trainer oder „Eine Klasse für sich“ mit Tom Hanks als ständig betrunkenem Trainer eines Frauen-Baseballteams verzerren die gewohnte Ordnung und ziehen die üblichen Rituale ins Lächerliche. Wie im Western gibt es auch in Sportfilmen fast nur männliche Helden, ihre Frauen sollen durch Anfeuern für zusätzliche Motivation sorgen und ihnen zum Sieg verhelfen. Ausnahmen sind „Girlfight“, „Million Dollar Baby“, „Kick it like Beckham“ und „FC Venus“ mit Frauen im Leistungssport, hier Boxen und Fußball.
Viele Sportfilme leben von der Darstellung menschlicher Körper in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen, von wohlgeformten durchtrainierten Muskelprotzen bis zu den leptosomen Slapstickhelden Chaplin und Buster Keaton oder dem gealterten Kämpfertyp Mickey Rourke in „The Wrestler“. Die Inszenierung von Körpern mit einer ethnischen Einordnung gab es nicht nur im Dritten Reich mit Leni Riefenstahls den Sport-Dokumentarfilm prägenden „Olympia“. Schon in „Wege zu Kraft und Schönheit“ von 1926 werden unterschiedliche Kulturen gezeigt. Der US-Sportfilm nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt sich der Unterschiede von schwarzen und weißen Sportlern an, so etwa die Sportkomödie „Weiße Junge bringen’s nicht“ oder die tragische Geschichte „Freunde bis in den Tod“. Da Sportfilme im Kino ein breites Publikum ansprechen sollen, viele aber die spezifischen Regeln nicht kennen, werden oft Medienvertreter wie Radioreporter als „Übersetzer“ für die Zuschauer in die Handlung eingebunden.
Neben Genre-Klassikern erwähnt das Buch auch Ausnahmefälle im Grenzbereich wie das Wassermuscial „Die badende Venus“. Oft werden nur die stilbildenden Filme ausführlich vorgestellt, so die offiziellen Olympiafilme von 1936 und 1964. Zu den Prototypen des Fußballfilms zählen „Die elf Teufel“ und „Der König der Mittelstürmer“, beide von 1927. Eine Kultfilm für Fußballenthusiasten ist „Fußball wie noch nie“ über den Jahrhundertspieler George Best. Die britische Produktion „Ballfieber“ stellt weniger die sportlichen Wettkämpfe als das Leid und die Leidenschaft von Fans des FC Arsenal in den Mittelpunkt. Der Hauptdarsteller muss entscheiden zwischen der Liebe zu einer Frau und zu seinem Verein. Der Kreis schließt sich mit den beiden Erfolgsfilmen von Sönke Wortmann „Das Wunder von Bern“ (2003) und „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006). (Johannes Kösegi)
Filmgenres Sportfilm, herausgegeben von Kai Marcel Sicks und Markus Stauff, 304 Seiten, Reclam Verlag Stuttgart, Preis 7,80 Euro.
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Sonntag, 26 Dezember 2010 @ 7:26pm