Rosas Rache – Filme und Tagebücher seit 1960
Im Zusammenhang mit Rosa von Praunheim ist in den vergangenen Jahrzehnten oft der Begriff „enfant terrible“ gefallen. Der bekennende Schwule hat bereits zu Beginn der 1970er Jahre die deutsche Nation geschockt, als er mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ auf die Missstände aufmerksam machte, die auch in dieser Subkultur vorherrschen. Und das zu einer Zeit, als es um die Schwulenrechte noch alles andere als rosig bestellt war, als selbst der einvernehmliche Sex zwischen zwei Männern laut § 175 noch unter Strafe gestellt war und sich erst wenige Jahre zuvor in New York der erste Widerstand gegen die Unterdrückung geformt hatte. Mit diesem wichtigen Film wurde Rosa von Praunheim nicht nur innerhalb der deutschen Grenzen berühmt, und auch in den folgenden Jahren war er immer wieder für den einen oder anderen Skandal gut. So war er es, der 1991 in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“ Hape Kerkeling und Alfred Biolek als homosexuell outete, ein Jahr später legte er mit einer ganzen Reihe weiterer Prominenten-Outings aus allen öffentlichen Bereichen nach. Doch seine Karriere geriet daraufhin erst einmal ins Stocken, er galt als Nestbeschmutzer und Verräter.
Nicht nur in Film und Fernsehen hat Rosa von Praunheim in den letzten 40 Jahren Akzente gesetzt. Auch Bücher hat er einige verfasst, so z.B. das provokante Frühwerk „Sex und Karriere“ oder der Jubiläumsband zum 50. Geburtstag, „50 Jahre pervers“. Erste Tagebuchauszüge waren darin bereits vorhanden, nun gibt es im Martin-Schmitz-Verlag die wesentlich umfangreichere Reproduktion seiner Tagebucheinträge von 1960 bis 2009. Im Großen und Ganzen folgen seine Eintragungen über die Jahre dem Motto seines Buches „Sex und Karriere“, denn die meisten Notizen beschäftigen sich mit seinem beruflichen Werdegang, den verschiedenen Begegnungen während der Filmplanungen und Dreharbeiten…und immer wieder mit seinen vielfältigen sexuellen Begegnungen. Es fällt auf, dass Rosa von Praunheim auch in Beziehungen, die ihm wichtig waren, nie monogam gelebt hat und ein ständiger Besucher von Saunen und öffentlichen Toiletten und Parks war, um sich schnell und anonym Befriedigung zu verschaffen. Seine stichwortartigen Sätze greifen dabei auf, was ihm wichtig war und ergeben in dieser Konzentration oft skurrile Kombinationen. Nach einer Geburtstagsparty und anschließenden Filmvorführung notiert er beispielsweise: „Tolles Publikum, mit Mutti um fünf Uhr nach Hause, morgens auf die Klappe und kurz mit einem Typ gewichst.“ Das alles liest sich sehr provokant und nonkonformistisch, aber man lernt im Laufe der Lektüre auch bald einen harmoniesüchtigen Menschen kennen, etwas hypochondrisch veranlagt, der in Sachen Safer Sex ein früher Vorreiter war und sich deswegen auch innerhalb der schwulen Szene viele Feinde machte. 1982, als noch kaum jemand von Aids gehört hatte, schreibt er: „New York: Ins Village, alles sehr geil, viele Muskeltypen, die ich irre scharf finde. Ich habe furchtbare Angst vor Krankheiten, eine Art Schwuler Krebs geht um, von dem die Leute sterben.“ Solche besonders interessanten Passagen wurden im Layout extra hervorgehoben. Sie beziehen sich häufig auf gesamt-gesellschaftlich relevante Ereignisse, auf wichtige Stationen im Leben Rosas oder auf Begegnungen mit Prominenten und erste Einschätzungen von Seiten des Autors, die sich im Rückblick oftmals sehr unverstellt und ehrlich lesen. Über den Modemacher Wolfgang Joop schreibt er 1976 zum ersten Treffen: „Ich tanzte mit einem Modetyp aus Hamburg, Joop, der sich fest an mich klammerte. Nicht mein Typ.“ Eine Zusammenstellung von Tagebucheinträgen, die ein halbes Jahrhundert umspannen und einen spannenden Zeitraum in der Geschichte der Homosexualität aus einem sehr persönlichen Blickwinkel abdecken. Jedem Jahr sind zwei bis sechs Seiten zweispaltigen Textes gewidmet, wobei vor allen Dingen die 1980er Jahre inhaltlich sehr viel hergeben. Im Anhang findet sich eine komplette Filmografie mit Szenenfotos, im Innenteil gibt es sechs umfangreiche Bildteile mit Farbfotos, die ebenfalls alle wichtigen Momente aus dem Künstlerleben Rosa von Praunheims abdecken. Eine spannende und aufschlussreiche Lektüre.
Buch: „Rosas Rache – Filme und Tagebücher seit 1960“ von Rosa von Praunheim, Martin Schmitz Verlag Berlin 2009, ISBN 978-3-927795-48-8
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Rosas Rache – Filme und Tagebücher seit 1960 wurde bearbeitet von Frank Brenner • Permalink • Kommentar schreiben »














Marlon zu dem Thema:
Tolles Buch. Einfach wunderbar.
Marlon
Dienstag, 22 September 2009 @ 7:27pm