Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute
Wann wird ein Film zum Skandal? Welche Filme wurden warum zu einem Skandal? Diesen und anderen spannenden Fragen ist der Filmwissenschaftler Stefan Volk in seinem chronologischen Abriss „Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute“ auf akribische Weise nachgegangen. In einleitenden Kapiteln und Dekadenübersichten hat sich Volk den gesellschaftlichen und geschichtlichen Gegebenheiten angenommen, die einstmals Filme zu einem Skandal machten, die einige Jahre später dann kaum mehr ein müdes Lächeln hervorgerufen hätten. Oftmals war es die geltende Sexualmoral, die bestimmte, was skandalös ist. Obszönes oder Unzüchtiges fiel deswegen zuerst einmal in die Kategorie eines Skandals. 1896 mag dies der erste im Film festgehaltene Kuss gewesen sein (wohlgemerkt zwischen einem Mann und einer Frau!), etliche Dekaden später bedurfte es schon eines Kusses zwischen zwei Männern (in Wolfgang Petersens „Die Konsequenz“), um für ein breites Medienecho zu sorgen. Waren vor 35 Jahren noch Filme skandalös, die Homosexualität als etwas Natürliches darstellten, hat die gesellschaftliche Entwicklung mittlerweile dafür gesorgt, dass ein Film zum Skandal wird, wenn er beispielsweise homosexuelle Handlungen als widernatürlich darstellt. Alles scheint also immer eine Frage der Zeit und des gesellschaftlichen Konsens zu sein.
Aber nicht nur sexuelle Darstellungen führen zu Skandalen, auch die Themenfelder Gewalt, Politik oder Religion können hier als Auslöser fungieren. Der nun ohne Frage als einer der größten Filmklassiker eingestufte „Panzerkreuzer Potemkin“ von Sergej Eisenstein geriet in seiner Entstehungszeit beispielsweise zum Skandal, weil er als heer- und marinezersetzend wahrgenommen wurde. Stefan Volk macht aber auch deutlich, dass es nicht unerheblich ist, ob ein Skandalfilm auch tatsächlich eine öffentliche Debatte auslöst, damit er wirklich dieses Prädikat verdient. Die größten Tabubrüche rechtfertigen kaum den Begriff Skandalfilm, wenn das Ergebnis nur einem verschwindend geringen Zuschauerkreis zugänglich ist und die Vorführung ohne entsprechendes Medienecho stattfindet. Insofern sind die wahren Skandalfilme auch immer soziale Seismografen, die etwas über den Zustand einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt aussagen können.
Stefan Volk hat sich durch mehr als 90 Jahre Filmgeschichte gehangelt und sich Skandalfilme herausgegriffen, die in Deutschland als solche wahrgenommen wurden. Dabei geht er auf rund 40 Produktionen im Detail ein, von denen die meisten nach wie vor im kollektiven Gedächtnis verankert sein dürften. Darunter fallen Produktionen wie „Der andalusische Hund“ von Luis Buñuel und Salvador DalÃ; „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef oder „Das Mädchen Rosemarie“ mit Nadja Tiller, zwei Werke aus der prüden deutschen Nachkriegsgesellschaft; Rosa von Praunheims kontroverses Pamphlet „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“; Sexaufreger wie „Im Reich der Sinne“, „Basic Instinct“, „Kids“ oder „Baise-Moi (Fick mich!)“; oder religiöse Ärgernisse wie „Das Gespenst“, „Die letzte Versuchung Christi“ oder „Die Passion Christi“. Die einzelnen Filmanalysen quellen über vor Informationen. Volk beschreibt stets zunächst den Inhalt des Films, um sich dann dem „Stein des Anstoßes“ zu widmen. Anhand zeitgenössischer Kritiken und einer filmgeschichtlichen Einordnung spannt er den Bogen zwischen einst und heute. Ergänzt werden diese Analysen mit biografischen Informationen zu den beteiligten Personen und einem kurzen Hinweis über die derzeitige Verfügbarkeit der Filme. Alles ist reichhaltig illustriert mit Szenenfotos und Filmstills, oftmals eben auch von den besonders anrüchigen Momenten. In dieser Form kann Stefan Volks Fleißarbeit als informative Zusammenfassung des Themas wie als kompetentes Nachschlagewerk gleichermaßen dienen. (Frank Brenner)
Buch: „Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute“ von Stefan Volk, Schüren Verlag Marburg 2011, ISBN 978-3-89472-562-4
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