„Theo Lingen – Das Spiel mit der Maske“ von Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen
Wer ihn einmal in einem Film gesehen hat, wird ihn sicherlich nicht so schnell vergessen: Theo Lingen schaffte es nicht nur aufgrund seiner auffallenden Physiognomie – den abstehenden Segelohren und der großen Nase – nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Auch seine näselnde Aussprache, die immer einen etwas herablassenden Unterton transportierte, und seine schlaksige Agilität waren einprägsam und schufen eine originelle Figur. Der 1903 in Hannover geborene Franz Theodor Schmitz entdeckte schon früh seine Liebe zum Theater, wo er sich alsbald den Bühnennamen Theo Lingen zulegte und ein exzessives Spiel mit einer zweiten Identität, seinem Bühnen-Alter-Ego, begann. Der filmaffine junge Mann, der schon früh mit privaten Filmaufnahmen zu experimentieren begann, fand auch bereits in den frühen 1930er Jahren im aufkommenden Tonfilm ein zweites Zuhause. Über den Privatmenschen schwieg er sich geflissentlich aus, verweigerte zumeist Interviews und kam auch dem Wunsch nach dem Verfassen einer Autobiografie nie so richtig nach. Zwar erschienen von ihm einige dünne Bändchen über seine Vorbilder am Theater und einige selbstreflexive Betrachtungen, die allerdings gleichfalls ganz bewusst von ihm gesteuert waren. Seine Zurückhaltung hinsichtlich öffentlicher Äußerungen zu seiner Person gereichte ihm in der Nachkriegszeit auch deutlich zum Nachteil, da er sich auch mit Aussagen zu seiner anhaltenden Karriere im NS-Film vornehm zurückhielt. Schnell wurden Stimmen laut, er wäre ein Freund der nationalsozialistischen Diktatur gewesen.
Dass viel mehr hinter dem beliebten Komiker steckte, haben nun die Biografen Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen in ihrem 550 Seiten starken Buch über Theo Lingen zu Tage gefördert. Dass der Star seine Popularität dazu nutzte, seine halbjüdische Ehefrau vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen und seinen guten Namen, der auf der „Gottbegnadetenliste“ des Führers stand und deswegen für die Verteidigung des Landes nicht heranzuziehen war, auch für andere NS-Verfolgte einsetzte und diese bei ihren Fluchtversuchen auch finanziell unterstützte, belegen die Autoren anhand zahlreicher Dokumente und Aussagen von Lingens Zeitgenossen. Überhaupt ist die akribisch recherchierte und mit rund eintausend Anmerkungen versehene Lebensgeschichte ein Musterbeispiel für die Aufarbeitung einer Künstlerkarriere. Nicht nur der packende Schreibstil und die tief gehenden Analysen von Lingens Arbeit ziehen in ihren Bann, auch formal spielt das Buch in derselben Liga wie eine Dissertation zum Thema. Auf rund 100 Seiten werden die vielfältigen Arbeiten Lingens für Bühne, Film, Fernsehen, Tonträger und Rundfunk detailliert zusammengetragen, des weiteren ist der Band mit 50 z.T. sehr seltenen Fotos illustriert. Wer Lingen bislang nur aus den endlos wiederholten und ansonsten recht niveaulosen „Lümmel von der ersten Bank“-Filmen aus den 1960er und 70er Jahren kennt, hat hier die einmalige Gelegenheit, sein vielfältiges Repertoire und seine faszinierende Persönlichkeit gleichermaßen für sich zu entdecken.
Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen, Aufbau Verlag Berlin 2008, ISBN 978-3-351-02668-4
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