Andy Warhol hatte, mit seinem berühmten Zitat, daß „in der Zukunft jeder für 15 Minuten ein Star“ werde, noch untertrieben, zumal das aktuelle TV mit seinen fürchterlichen Formaten und schrecklichen Segmenten serienweise Friseurinnen zu Supermodels, picklige Teenager zu Superstars und angejahrte Schwebebalken-Artistinnen zu Supertalenten exponiert. Alles im Superlativ und XXL-Format, denn was wäre unsere Wahrheit und Wirklichkeit, wenn sie nicht als asoziale Amüsements, degenerierte Doku-Duelle oder hohlhirnige Hilfe im Showgewand in die heimeligen Stuben gesendet werden würden? Da deckt Fernsehen sämtliche Lebensbereiche, schwache Lebenssituationen und schweres Lebensleiden sinnvoll ab: So erfährt der Zuschauer in Dokusoaps die erregenden Eigenschaften zu renovierender Wohnungen als Einsätze in vier Wänden, rudimentäre Gesetze der Physik von „Mythbusters“ oder partnerschaftliche Krisenbewältigung zur Mittagszeit: „Feuerwehrmann Frank ist bei einem Unfall gestorben. Zwei Monate später bittet er seine Geliebte per Videoband darum, Vater zu werden…“
Heilsame Hilfestellung leisten da ebenso die täglichen Talk-Shows: Existentialistische Probleme wie “Wer von meinen vier Ex-Männern ist der Vater meines neunten Kindes?“ werden hier öffentlich thematisiert wie die heillose Hilflosigkeit, wenn der Schwiegervater der besten Freundin mit dem eigenen Königspudel durchgebrannt ist. Die eherne Erfahrung mit deutscher Jurisprudenz erfährt der Betrachter in „Gerichtsshows“; wenn frustrierte Ehefrauen fremdgehende Männer filettieren oder die angefressene Affäre den Dreier durch eine „italienische Scheidung“ mit Zement und tiefem Gewässer zu lösen versucht.
Es gibt aber auch Optimistisches im der deutschen Fernsehjammertal, wie der hilfreiche „Wedding-Planer“ und das „Auswanderer-TV“ für jene, die von „Perfekten Dinners“ und „Kocharenen“ Magengeschwüre angefressen haben: Wie man mit Thüringer Bratwürstchen bestens im ewig sonnigen Mozambique reüssiert, ein „neues Leben“ beginnt, verraten mittlerweile fast alle Kanäle. Und verraten werden wir alle von Rainer: Moritz Bleibtreu spielt eben diesen Rainer, einen TV-Produzenten, der den Leuten B-TV frei Haus liefert, wie z.B. mit einer seiner Shows, dessen Prinzip darin besteht, für die Kandidatinnen den stärksten Samenspender zu finden, der dann 28 Tage Zeit hat, ihr ein Kind zu zeugen und obendrein noch glücklich mit ihr zu werden… Er ist der unumstrittene Star des Senders TTS – seine Show wie „Hol’ dir das Superbaby“ jagt einen Quotenrekord nach dem anderen. Seine Freundin Anna (Simone Hanselmann) entspricht dem schön-schlanken Blondinen-Klischee. Der Producer ist ein Show-Supertyp schlechthin: Hemmungslos pudert er sich das Näschen, bis ihm das Blut gleich literweise auf das weiße Hemd schießt, rast durch Berlin, hört harten Rap, säuft Wodka und begrüßt andere mit gestrecktem Mittelfinger. Durch seine rasante Fahrweise läßt er übrige Verkehrsteilnehmer so aussehen, als beführen diese just den Straßenstrich. Und hemmungslos haut Rainer seinen Schlitten mit einem Baseballschläger zu Klump, um somit die avisierte Prügel von sprachlosen Skinheads, dessen Auto er gerade geschrottet hat, zu umfahren. Dann die Wende: Er überlebt ein Attentat nur knapp: Die Rache einer jungen Frau (Elsa Sophie Gambard), deren Großvater sich nach einer von Rainers Sendungen erhängt hatte. Rainer, knapp dem Tode entronnen sieht ein, so kann es nicht weitergehen und probiert ein seriöseres Fernsehformat, das jedoch nach der ersten Episode wegen Quotenmangel wieder abgesetzt wird. „Kein Mensch ist so blöd, wie die Shows, die wir machen“ brüllt Rainer seinen Senderchef Maiwald (Gregor Bloèb) an. Die Quoten müssen manipuliert sein. Rainer hängt seinen Job an den Nagel und bricht auf in einen irrwitzigen Kampf um die Macht über die Quoten. Der Schlüssel dabei sind die „IMA“-Boxen. Nur mit Zugang zu diesen „Demoskopie“-Geräten hält Rainer es für möglich, seine kulturelle Konterrevolution zu starten… So postulierte es auch Regisseur Weingartner, es werde ein Film über kulturelle Revolution, darüber, wie man seinen Geist befreit“ gehen. Nach seinem erfolgreichem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ stigmatisiert er das mangelndes TV-Niveau und die viel zitierte mediale Demagogie:
Schon 1985 konstatierte der US-Medienwissenschaftler Neil Postman in seinem Buch “Wir amüsieren uns zu Tode“: Der Fernsehapparat sichere „uns eine ständige Verbindung zur Welt, er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, daß es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, daß es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“
Man mag „ Free Rainer“ nun als medienkritische Film-Burleske, TV-Revolutions-Movie samt Lovestory oder simpel als unterhaltsames Kritiker-Kino betrachten; das bleibt dem Zuschauer selbst überlassen. Wichtig ist vor allem, daß ein profunder Kern, eine insistierende Intention amüsant verpackt daherkommt. Der Film macht Freude, ohne den pädagogischen Zeigefinger. Und man muß dabei nicht in jenem Zustand dümpeln wie ihn TV-Satiriker Oliver Kalkofe verachtet: “Fernsehen ist so eine Art geistige Neutronenbombe. Das Gehirn wird weggestrahlt, aber der Kopf bleibt stehen.“ Aber ganz ohne Glotze? Geht nicht, gibt’s nicht, nur den Knopf zum temporären An- und Abschalten eines sinnvollen Fernsehens mit Geist.