Das Neuss Testament
Obwohl er auch in zahllosen seicht-belanglosen Filmchen der Nachkriegszeit mitgewirkt hat, nimmt der Komiker, Kabarettist und Spötter Wolfgang Neuss eine Sonderfunktion in der bundesdeutschen Filmgeschichte ein. Nahezu in Personalunion drehte er Anfang der 1960er Jahre mit „Wir Kellerkinder“ und „Genosse Münchhausen“ zwei der scharfzüngigsten Kinofilme jener Zeit, die auch nach annähernd einem halben Jahrhundert nichts von ihrem Biss und ihrer Treffsicherheit eingebüßt haben. In den Folgejahren begeisterte Neuss noch mit so manchem Kabarett-Soloprogramm und verzückte als Mann mit der Pauke als intellektueller Rundumschläger, dem nichts heilig war. Später 68er, Kommunist, Haschischkonsument und TV-Rebell, kann der coole Alte auch heute noch einer neuen Generation mit seinen Ansichten und seiner Ehrlichkeit ein starkes Vorbild abgeben.
Der Filmemacher Rüdiger Daniel hatte das Glück, Wolfgang Neuss nur drei Tage vor seinem Tod im Mai 1989 mit der Kamera zu besuchen und ein langes Interview mit ihm zu führen. In Kombination mit einer Audioaufzeichnung, in der Neuss ebenfalls kurz vor seinem Tod seine schlagzeilenträchtige Karriere persönlich Revue passieren ließ, ist dadurch hier ein multimedialer Nachlass entstanden, der zusammen mit Film- und Fernsehausschnitten sowie aktuellen Interviews mit Wegbegleitern und Freunden ein sehenswertes Porträt einer ungewöhnlichen Erscheinung ergibt. Neben Neuss’ Schwester Eva, seiner Geliebten Gisela Groenewold, seinem Biograf und seinen beiden Masseuren kommt dabei auch Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu Wort, der mit Neuss 1983 in einer Talkshow aneinander geriet, dessen Intellekt und Verstand aber auch 25 Jahre danach noch in höchsten Tönen lobt. Wer den intelligentesten, witzigsten und ungewöhnlichsten Komiker der deutschen Nachkriegszeit noch nicht kennt, hat hier Gelegenheit, Wissenslücken zu schließen. Für Neuss-Aficionados bietet dieser neue Dokumentarfilm genügend Material zum wieder entdecken und einige selten gezeigte bzw. bislang unveröffentlichte Aufnahmen, die man sich nicht entgehen lassen sollte. (5/6)
D 2008. Regie: Rüdiger Daniel, Vera Bogdahn. Schnitt: Vera Bogdahn. Kamera: Jöreg Jeshel, Claus Judeich. Produktion: RBB, dibsfilm. Mit: Wolfgang Neuss, Eva de Bouyse, Gisela Groenewold, Richard von Weizsäcker, Flow Jean-Louis, Volker Kühn, Kurt Groenewold, Dieter Finnern, Grete Wixell, Viktor Robert Minich. 72 Min. Real Fiction ab 30.04.09.
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