Hamburger Lektionen
Ein glühend heißes Film-Eisen: Auf der Berlinale 2006 wurde “Hamburger Lektionen” des deutsch-französischen Regisseurs Romuald Karmakar uraufgeführt. Darin deklamiert der bekannte Schauspieler und Sprecher Manfred Zapatka die Reden des Imam Mohammed Fazazi. Auch einige der Attentäter vom 11. September 2001 hörten regelmäßig Fazazis „Offen-barungen“. Obwohl die beiden Lektionen schon vor sechs Jahren gehalten wurden, finden sich darin frappierende Aussagen, die nicht nur vor dem Hintergrund sporadischer Islamisierung und vereitelter Terroranschläge eine erschreckende Aktualität angenommen haben; ist die Anschlags-Angst doch längst von Amerika nach Europa rübergespült: Ende der 90er Jahre wurde Mohammed Fazazi Imam der Al-Quds-Moschee in Hamburg. Im Januar 2000, in den letzten Tagen des Fastenmonats Ra-madan, hielt er im Gebetsraum der Moschee mehrere sogenannte „Lektio-nen“, bei denen die Anwesenden Fragen zu verschiedenen Aspekten des Lebens stellen konnten, die sie in der Regel schriftlich vorlegen mußten. Diese Sitzungen wurden von einer unbekannten Person auf Video aufge-nommen und in der Buchhandlung der Moschee, aber auch extern ediert. Als am 11. September 2001 Selbstmordpiloten die Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon lenkten und damit die ganze Welt in einen Schockzustand versetzten, wußte keiner von der eindeutigen und verheerenden Spur auch nach Deutschland; denn drei der Attentäter standen in engem Kontakt zu Mohammed Fazazi. “Hamburger Lektionen” widmet sich diesen „Predigten“ und analysiert dabei die ideologische Rechtfertigung eines militanten Islams.
Mit „Das Himmler Projekt“, seinem Film über eine dreieinhalbstündige Rede Heinrich Himmlers („eines der schrecklichsten Zeugnisse deutscher Sprache”, so der Historiker Joachim C. Fest) hatte Karmakar schon 2000 die filmische Vergegenwärtigung der „Posener Rede“ Heinrich Himmlers aus dem Jahre 1943 eine derartige „Inspektion“ radikalen Denkens ge-wagt. Der Ausnahme-Regisseur („Der Totmacher“) läßt Manfred Zapatka zwei Predigten des Imam Fazazi in deutscher Übersetzung vorlesen: Der sitzt auf einem Stuhl, zwei Tischchen neben sich, vor neutralem Hinter-grund. Aus Zapatkas Mund fließen mit sonorer, cremiger Stimme fremde Worte, die er sich nie aneignet hat: Er stellt sie nicht dar, er spricht sie lediglich aus.
Sehr sorgfältig wurde der vorgelesene Text dabei übersetzt, immer wieder unterbrochen durch Erläuterungen von Begriffen, diese religiösen Termini Technici sind und auch im arabischen Original genannt werden: „Bidaa“ („Reform“), als Abweichung vom Koran und der „Sunna“ sind grundsätz-lich verachtenswert. Oder „Halal“, das heißt „erlaubt“. So ist auch zu hören: „Allein der Prophet und seine Gefährten sowie die drei folgenden Generationen der Muslime haben gläubig und rein gelebt…“
Ein profunder und zweistündiger, statischer Film mit nur einem Inter-preten, der nicht vom Platz weicht und bis auf ein paar dezente Blicke in die Kamera stets vom Blatt liest, das überfordert teilweise übermäßig die Geduld, vor allem jedoch die kontinuierliche Aufmerksamkeit und ausge-sprochenes Interesse am Thema. Daß immenses Interesse allerdings existiert, davon zeugte nicht nur der bis auf den letzten Platz besetzte große Premierensaal auf der Berlinale.
Der Bedeutung des Wortes im Film entsprechend, nahm die Übersetzung des arabischen Videos mit 4 Monaten den größten Teil der Vorbereitung in Anspruch. Gleich vier Übersetzer waren damit beschäftigt, diverse arabi-schen Dialekte und die zum Teil schlechte Qualität des Originaldokuments in ein verständliches Deutsch zu übertragen. Der Aufbau des Filmes folgt dabei der Struktur der „Vorlesungen“: Beginnend mit Fragen zum Allge-meinen und zur Familie, werden im Mittelteil Kriterien des Glaubens, bzw. Unglaubens fokussiert, bevor zum Ende des Films das Verhältnis gläubiger Muslime individuelle und kollektiv zum Westen im Stile eines Hasspredi-gers erläutert und gewertet wird. Großen Raum nimmt dabei die Deutung und Interpretation alter Koranverse auf moderne Lebensverhältnisse der westlichen Welt ein. Ausführlich wird erörtert, unter welchen Konditionen zum Beispiel eine muslimische Frau allein reisen, oder Kontakte mit Ungläubigen aufnehmen darf. Kein Zweifel: Die mit der Übersetzung dieser beiden Predigten möglich gewordene, brandaktuelle Debatte mit dem sonst für die deutsche Öffentlichkeit nicht zugänglichen Bereich des islamitischen Glaubens und Weltbildes, stellt zweifelsohne die lobenswer-teste Leistung dieser filmischen Schwerkost dar.
Fazazi schmort inzwischen im marokkanischen Gefängnis wegen des prägenden Einflusses und anderer Untaten wegen: Nach den Anschlägen in Casablanca im Mai 2003 wurde der Hassprediger verdächtigt, die vierzehn Selbstmordattentäter „inspiriert“ zu haben. Einen Monat später wird er vor einem marokkanischen Gericht als „Theoretiker“ der Gruppie-rung „Salafyia Jihadia“, der „Anstiftung zum Mord und Teilnahme an der Planung terroristischer Akte“ beschuldigt und zu 30 Jahren Haft verur-teilt. In Deutschland gab es hingegen nie auch die Spur einer Ermittlung…
Brisant: Eingeblendet werden auch immer wieder die Reaktionen des in der Zapatka-Lektion natürlich nicht nachgestellten Publikums wie Geläch-ter: Das Einverständnis beweist sich so, gut nachvollziehbar, auch und erst recht im nicht Gesagten, zumal der „Humor“ der Fundamentalisten die „Freiheit“ initiiert, Andersdenkende einfach zu töten: „Es sind ja weniger die Leute, die bei Schäuble am Tisch sitzen, die uns Angst ma-chen, sondern es sind bestimmte radikale und gewaltbereite Menschen, mit denen man sich auseinandersetzen muß“, bekräftigte Karmakar. Fest steht: Die Realität suchte und sucht die mondiale Dissonanz, der Film aber wenigstens den minimalen Dialog.
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Hamburger Lektionen wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »











