Religulous – Man wird doch wohl fragen dürfen
Der Standup-Comedian und Fernsehstar Bill Maher macht sich auf eine Reise um die Welt, um die großen Weltreligionen einer Prüfung zu unterziehen und ihre diversen Anhänger unbequemen Fragen zu unterziehen. Entlarvende Dokumentation mit hohem Unterhaltungswert.
Warum halten wir manche Geschichten für die Wahrheit und nichts als die Wahrheit und stempeln andere als Märchen ab? An einer Stelle seiner Dokumentation „Religulous“ stellt Bill Maher einer gläubigen Christin die Frage, warum sie nie eine Geschichte wie die von „Jona und dem Walfisch“ als Märchen abgetan hat oder eine wie die von „Jack und der Bohnenstange“ als Evangelium hingenommen hat. Und genau diese unbequemen Fragen sind es, die sich den bedingungslosen Gläubigen nie stellen und die der TV-Scherzkeks nun in den Raum wirft, um mal zum Nachdenken und Hinterfragen anzuregen. Er tut dies mit einer etwas selbstverliebten Bedingungslosigkeit, die nicht selten an die Methoden eines Michael Moore erinnert, die aber auch aus genau dem gleichen Grund einen ungeheuren Unterhaltungswert besitzt. So trifft Maher in einer Raststättenkirche im Hosentaschenformat auf eine Gruppe übergewichtiger Lastwagenfahrer, die er dazu bringt, ihre unkritische Sichtweise auf die Religion mal zu überdenken. Wesentlich entlarvender und brisanter fallen allerdings die Begegnungen mit den eigentlichen Meinungsmachern aus, die nicht zur namenlosen Herde der Manipulierten gehören, sondern selbst die Fäden in der Hand halten und nicht selten zum eigenen Vorteil ausnutzen.
Zu diesen gehören ein selbst ernannter puertoricanischer Messias, der sich für einen direkten Nachfahren von Jesus Christus hält und schon 100.000 Anhänger rekrutieren konnte; ein Jesus-Darsteller in einem perversen biblischen Freizeitpark in Florida; ein ehemaliger homosexueller Pfarrer, der mittlerweile nach eigenem Bekunden geheilt ist; oder ein amerikanischer Senator, der seine Religiosität für seine politischen Zwecke nutzte und im Interview an einem Punkt einräumt, dass man keine IQ-Tests bestehen muss, um in ein politisches Amt gewählt zu werden. Diese Momente der Sprachlosigkeit, des Zögerns, Innehaltens oder der Entblößung der eigenen Unzurechnungsfähigkeit sind es, die den Film zu einem sehenswerten und nachdenklich stimmenden Dokument der Manipulation und Unaufrichtigkeit im Namen der Religion machen. Im letzten Drittel weitet Maher seine entlarvende Kritik auch auf den Islam und das Judentum aus, was in der entsprechenden Kürze etwas überhastet und angesichts der angestrebten Schlusspolemik auch ein wenig aufgesetzt wirkt. Hier hätte man sich etwas mehr Konsequenz oder ein durchgängiges Konzept gewünscht. Insgesamt ist „Religulous“ aber eine treffende Dokumentation über das Ausschlachten der unsterblichen Ungewissheit der Menschen angesichts der eigenen Sterblichkeit zu Zwecken der eigenen persönlichen Bereicherung. (5/6)
USA 2008 (Religulous) Regie: Larry Charles. Buch: Bill Maher. Kamera: Anthony Hardwick. Schnitt: Jeff Groth, Christian Kinnard, Jeffrey M. Werner. Produktion: Thousand Words. Mit: Bill Maher, Jerry Cummings, Jose Luis De Jesus Miranda, Reginald Foster, Julie Maher, Propa-Gandhi, George Coyne. Central. 101 Min. Ab 02.04.2009 im Kino.
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