Der fremde Sohn
Als Christine Collins vom Arbeiten nach Hause kommt, ist ihr Sohn verschwunden. Die Polizei präsentiert ihr nach wochenlanger Suche plötzlich einen kleinen Jungen, der aber nicht ihr Walter ist. Die allein erziehende Mutter nimmt einen Kampf gegen Windmühlen auf. Bewegendes Zeitgemälde.
Clint Eastwoods neuestes Filmdrama ist abermals ein Zeitgemälde, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist und auf einer wahren Geschichte basiert. Der einfühlsame Regisseur und Produzent hat sich eines Aufsehen erregenden Kriminalfalls aus dem Los Angeles des Jahres 1928 angenommen. Damals führte des Verschwinden eines neunjährigen Jungen und der verzweifelte Kampf seiner Mutter, die sich nicht mit den vorschnellen und offensichtlich falschen Ermittlungsergebnissen des Los Angeles Police Department zufrieden geben wollte, zu einem großen Medienecho und der Entlarvung eines durch und durch korrupten Polizeiapparates. Da man sich nicht die Blöße geben wollte, einen Kindesentführungsfall nicht aufklären zu können, setzte man von staatlicher Seite alles daran, die Wahrheit zu manipulieren und für den eigenen Vorteil zu nutzen. Einen offensichtlich verwaisten Jungen im gleichen Alter gab man für das vermisste Kind aus und erstickte sämtliche Protestversuche der geschockten Mutter im Keim. Als auch das nicht mehr zu fruchten schien, wurde sie kurzerhand für geisteskrank erklärt und somit aus den Augen der Öffentlichkeit entfernt, wo Christine Collins mit ihren Aussagen die Arbeit der Polizei in Misskredit brachte.
Wieder einmal hat sich Clint Eastwood als versierter Geschichtenerzähler erwiesen, der eine vergangene Epoche der US-amerikanischen Historie in exquisiter Ausstattung und mit fantastischen Kameraeinstellungen wieder zum Leben erwecken kann. Er kratzt damit abermals am Mythos Amerikas, indem er die Staatsgewalt nicht nur als korrupt und eigennützig entlarvt, sondern die gesamte Bandbreite dieser Verfehlungen thematisiert, in die u.a. auch das Medizinsystem involviert war. Eine Zeit, als in der Psychiatrie noch mit Elektroschockbehandlungen gearbeitet wurde, bietet zudem einen spannenden historischen Hintergrund für ein aufwühlendes Psychodrama. Dieses wird hier in erster Linie von Angelina Jolie getragen, die sich nach ihren toughen Actionrollen kontinuierlich als Leid geplagte, aber deswegen nicht minder selbstbewusste und kampfeslustige Heldin etablieren kann. Zuletzt hatte sie dieses Image in „Ein mutiger Weg“ bedient. Zur Halbzeit des Films erhält dieser übrigens noch eine gleichwertige zweite Ausrichtung, die aus dem bewegenden Vermisstendrama auch noch einen effektvoll inszenierten Serienkillerstreifen macht. Dem Regiealtmeister Eastwood gelingt der Spagat über die gesamte Spielzeit von rund zweieinhalb Stunden ausgezeichnet, was die Relevanz der gut 80jährigen Geschichte auch heutzutage rechtfertigt.
USA 2008 (Changeling) Regie und Musik: Clint Eastwood. Buch: J. Michael Straczynski. Kamera: Tom Stern. Schnitt: Joel Cox, Gary D. Roach. Produktion: Malpaso, Imagine Entertainment, Relativity Media. Mit: Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan, Michael Kelly, Colm Feore, Jason Butler Harner, Amy Ryan. Universal. 141 Min. Ab 22.01.2009 im Kino.
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