Die Klasse
Ein neues Schuljahr hat begonnen und Lehrer François versucht, auf seine Klasse so gut es geht einzugehen. Doch die Schule im 20. Pariser Arrondissement liegt mitten in einem Multi-Kulti-Viertel, was sich auch in ihren Schülern widerspiegelt. Realitätsnahes Schulporträt.
Der letztjährige Gewinner der Goldenen Palme von Cannes wirkt nicht nur auf den ersten Blick wie ein Dokumentarfilm. Dabei basiert „Die Klasse“ (Originaltitel: Entre les Murs) auf dem gleichnamigen Roman von François Bégaudeau, der dafür u.a. mit dem Prix France Culture Télérama 2006 ausgezeichnet wurde. Bégaudeau ist hauptberuflich als Lehrer tätig und dürfte deswegen nur allzu genau wissen, von was er in seinem autobiografisch angehauchten Buch berichtet hatte. Wenn man dann allerdings eine solche Fiktionalisierung als Ausgangspunkt für einen Film nimmt, der nach einem Drehbuch inszeniert wird, und das Ergebnis trotzdem beinahe als Dokumentarfilm durchgehen könnte, ist das ein hervorragendes Kompliment für den Authentizitätsgehalt des Geschilderten und die inszenatorische Raffinesse des Regisseurs, der es zudem hier fast ausschließlich mit Laiendarstellern zu tun hatte.
Im Mittelpunkt der Ereignisse steht der Französisch- und Klassenlehrer einer aus 14- bis 15jährigen Migranten bestehenden Klasse, den Bégaudeau selbst in Anlehnung an seine eigenen Erfahrungen spielt. Die Handlung erstreckt sich über den Verlauf eines Schuljahres, in dem der Klassenverbund Neuankömmlinge aufzunehmen lernen muss und sich mehr und mehr herauszukristallisieren beginnt, welche Schüler aufgrund ihres Verhaltens oder ihrer schwachen schulischen Leistungen gefährdet sind, nicht versetzt oder gar der Schule verwiesen zu werden. Die Ereignisse sind dabei nicht sonderlich spektakulär, auch gibt es nur einen dünnen roten Faden, der die Dramatisierung der Geschehnisse dafür aber umso wirkungsvoller und spannender vorantreibt. Das Hauptverdienst von Laurent Cantets („In den Süden“) Film besteht fraglos in der Realitätsnähe, mit dem er den Alltag an einer x-beliebigen, für Frankreich sicherlich typischen, aber problemlos auch auf hiesige Verhältnisse übertragbaren, Schule schildert. Dabei sind es nicht nur die abschätzigen, oftmals feindselig eingestellten Äußerungen der Schüler oder das Engagement der Lehrkräfte, das im Laufe der Zeit zu zerbrechen droht, die die Wirklichkeit authentisch einzufangen verstehen. Der Realitätsanspruch zieht sich bis in die scheinbar unwichtigen Details, mit denen die tagtäglichen Routinen im Lehrerzimmer oder die Profanitäten geschildert werden, denen man sich hier mitunter hingibt. Ein verstörend glaubwürdiges Zeitbild, das aufgrund einer herausragenden inszenatorischen Leistung einen überaus spannenden Sog entwickelt und trotz seiner Subjektivität in so mancher Schilderung einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit besitzt. (5/6)
F 2008 (Entre les murs) Regie und Buch: Laurent Cantet. Buch: François Bégaudeau, Robin Campillo. Kamera: Pierre Milon, Catherine Pujol, Georgi Lazarevski. Schnitt: Robin Campillo, Stéphanie Léger. Produktion: Haut et Court, France 2 Cinéma, Canal+, France 2, Cinécinéma. Mit: François Bégaudeau, Nassim Amrabt, Laura Baquela, Franck Keïta, Wei Huang, Jean-Michel Simonet, Rachel Régulier. Concorde. 128 Min. Ab 15.01.2009 im Kino.
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