Die zweigeteilte Frau
Das Bösartige brodelt wieder hinter der scheinbar schönen Fassade: Chabrol lässt seine Puppe zwischen zwei konträren Gesellschaftschichten tanzen. Das Opfer, wieder eine Frau. Der zynische Analytiker par excellence ließ seine Heldinnen stets an ihren unfähigen Männern scheitern, an den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen und den eigenen naiv-romantischen Sehnsüchten. Am brachialsten ging seine Titelfigur aus der Flaubert-Adaption Madame Bovary (1991) baden. So auch hier:
um sein neues Buch zu promoten, schickt die Literatur-Agentin und Freundin Capucine Jamet (Mathilda May) ihren Star-Autor Charles Saint-Denis (Francois Berleand) aus der stillen Idylle seiner Luxus-Villa in der Provinz auf Publicity-Tour in die Stadt. In Lyon soll er ein Fernsehinterview geben, zu Empfängen gehen und Bücher signieren. Der geübte Blick des notorischen Verführers bleibt sogleich an der jungen schönen Gabrielle Deneige (Ludivine Sagnier) hängen, die beim Sender als Wetterfee arbeitet und am Anfang einer viel versprechenden Karriere steht. Sie ist in ihrer natürlichen Art einfach umwerfend, und als Charles sie wenig später beim Signieren in einer Buchhandlung, in der Gabrielles Mutter (Marie Bunel) arbeitet, wieder sieht, lässt er sich die Gelegenheit nicht entgehen und verabredet sich mit ihr. Er führt sie a in seine Stadtwohnung, sein geheimes kleines Versteck, auf dessen Klingelschild signifikanterweise der Name „Paradies“ steht. Dieses Versprechen soll sich allerdings für die junge Frau so gar nicht erfüllen. Gabrielle wird Charles Geliebte und findet mit dem erfahrenen Mann sexuelle Erfüllung. Sie geht auf all seine Wünsche ein, lebt unbefangen mit ihm seine sexuellen Obsessionen und perversen Gelüste aus. Zunehmend verfällt sie dem älteren Lügner mit einer wunderbaren Ehefrau an seiner Seite und verliebt sich ernsthaft in ihn. Was die junge Frau nicht weiß: Charles, glücklich mit Dona (Valeria Cavalli) verheiratet, würde seine Ehe nicht wegen einer Affäre aufs Spiel setzen. Für ihn ist Gabrielle ein weiteres aufregendes sexuelles Abenteuer…
Es geht wieder um die Verstrickungen der Menschen miteinander, durch die sich wahre Untiefen öffnen. Erneut variiert Chabrol das gewohnt Verlässliche, demonstriert eine völlig desolate Sicht der Dinge mit minutiösen Farben und Facetten. Resultat: Die große Überraschung, und die noch größere Enttäuschung. Auf diese Weise warnt er wieder vor der Welt des schönen Scheins, in der gutgläubige, zu Gefühlen noch fähige Mädchen auf solche Blödiane wie Charles hereinfallen, die nehmen, ohne zu schätzen. Deshalb hat der sexuell getönte Film etwas Reines, sozusagen die Angst des kleinen Bürgers vor dem Laster und der Verschwendung. Es stellt sich sowieso immer wieder die Frage, warum junge Mädchen auf senile und lüsterne Säcke reinfallen. Da ist die zweigeteilte Frau einerseits, und da der ungeteilte Arsch zum anderen.
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Die zweigeteilte Frau wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »













