Eine Perle Ewigkeit
In den ersten Minuten bleibt das Bild schwarz. Die Konzentration des Zuschauers wird so auf den Sprechgesang einer alten Frau gelenkt, die auf ihrem Totenbett auf melodische Weise von grausamen Dingen singt. Von einer Vergewaltigung und weiteren Demütigungen in ihrer Jugend, als sie mit ihrer Tochter Fausta schwanger war. Fausta selbst ist nun eine junge Frau und hat von ihrer Mutter jene Krankheit Angst geerbt, die in peruanischen Mythen beschrieben wird. Aus Angst vor Vergewaltigung hat sich Fausta eine Kartoffel in die Vagina gesteckt, was ihr nun körperliche Gebrechen bereitet. Um ihrer Mutter die letzte Ehre zu erweisen, möchte sie ihren Leichnam in ihr Heimatdorf überführen, doch diese teure Angelegenheit kann sie sich nicht leisten. Deswegen nimmt Fausta eine Hausmädchenstellung im üppig eingerichteten Heim einer Limaer Musikerin an. Die reiche Frau ist fasziniert von Faustas Sprechgesängen und bietet ihr als Geschenk eine Perlenkette an, wenn sie ihr die Lieder regelmäßig vorträgt.
Claudia Llosa, eine Nichte des bekannten peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, entwirft in ihrem zweiten Spielfilm (nach dem Arthouse-Erfolg „Madeinusa“) einen spannenden und ästhetisch ausgefeilten mythologischen Bilderbogen aus dem Armenviertel Limas. Ihre zentrale Figur Fausta, verkörpert von der „Madeinusa“-Hauptdarstellerin Magaly Solier, bleibt dabei über die gesamte Spieldauer mysteriös und undurchschaubar. Tief ist sie in den Traditionen ihres Volkes verwurzelt und mit den Geheimnissen und Sagen ihrer Vorfahren verbunden, was Llosa im Film in traumhaften, teilweise hypnotisierenden Einstellungen einzufangen versteht. Gerade auch die Kameraführung Natasha Braiers verdient große Beachtung, wenn aus der schlichten und oftmals trostlosen Umgebung die faszinierendsten Bilder gezaubert werden. Am Rande erhält man auch Einblicke in das Gesundheitssystem Perus, in das symptomatische Gefälle zwischen Arm und Reich, wie es in vielen Schwellenländern zu beobachten ist, und in die seltsamen Hochzeitsrituale des Landes. In einer sehr zurückgenommen inszenierten Sequenz wird der Zuschauer beispielsweise Zeuge einer Massenhochzeit, bei der Dutzende Paare unter freiem Himmel im Chor die Ja-Worte sprechen. Da sich Claudia Llosas Erzählrhythmus an der tranceartig agierenden Protagonistin orientiert, sollte man dem Film aufgeschlossen begegnen und sich auf sein gedrosseltes Tempo einlassen. Dann kann man sich den wundervollen Bildern, den intensiven Darstellerleistungen und der ungewöhnlichen Geschichte öffnen, die viele Ansatzpunkte zum Nachdenken bieten.
Ähnliche Beiträge:
Eine Perle Ewigkeit wurde bearbeitet von Frank Brenner • Permalink • Kommentar schreiben »













