Glaubensfrage
An einer katholischen Grundschule in den 1960er Jahren erhärtet sich ein Verdacht, dass der Pfarrer der Gemeinde sich einem der Jungen unsittlich genähert hat. Die strenge Direktorin der Schule setzt alles daran, den Geistlichen zu überführen und seines Amtes zu entheben. Geschliffene Theateradaption.
Seine Abstammung von einem Bühnenstück kann und will John Patrick Shanleys neuester Film keinesfalls verleugnen. Nach dem übel gefloppten Vehikel für die damals noch jungen Topstars Tom Hanks und Meg Ryan, „Joe gegen den Vulkan“ aus dem Jahr 1990, ist dies erst die zweite Regiearbeit Shanleys für die große Leinwand. Einerseits mag gerade das Theaterhafte den Kritikern Gelegenheit bieten, die Kinotauglichkeit der von Shanley selbst verfassten Vorlage in Zweifel zu ziehen und ihm vorzuwerfen, dass er das Projekt zu konventionell und unspektakulär angegangen ist. Andererseits muss man „Glaubensfrage“ aber attestieren, dass er überaus geschliffene Dialoge mit vorzüglichen Darstellerleistungen zu einem sehr kurzweiligen und tiefgründigen Ergebnis zusammenbringt.
In der Darstellung durch Meryl Streep wird die Figur der regelrecht von ihrer Vermutung besessenen Schwester Aloysius Beauvier schon recht früh als fanatische und erzkonservative Schuldirektorin gezeichnet. Die junge Schwester James macht sich die Leiterin zu Nutze, um den Verdächtigungen gegen Pfarrer Flynn auf die Schliche zu kommen. Diese etwas naive, aber durchweg sympathische Nachwuchslehrerin fungiert in der Interpretation durch Amy Adams als Sympathieträgerin und Identifikationsfigur für den Zuschauer. Auf der anderen Seite glänzt Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman in der Rolle des Pfarrers unter Anklage, und bleibt dabei so undurchsichtig und ambivalent, wie es für die dramatische Entwicklung des Stoffes notwendig ist. Die Tatsache, dass „Glaubensfrage“ in den 60er Jahren angesiedelt ist, kratzt dabei keineswegs an der Glaubwürdigkeit oder Relevanz seiner Geschichte. Gerade im Bereich kirchlicher Institutionen vergeht die Zeit ohnehin langsamer als irgendwo sonst, und Pädophilievorwürfe unter Priestern haben auch im 21. Jahrhundert unvermindert Schlagzeilen gemacht. John Patrick Shanleys Stück versteht sich als Diskussionsgrundlage, um mal wieder über die unmöglich zu bewerkstelligende Unfehlbarkeit der Menschen nachzudenken. Des Weiteren werden in den ebenso pointiert geschriebenen Predigten des verdächtigten Pfarrers Themenkomplexe wie Glaube, falsches Zeugnis oder Intoleranz angesprochen, die ja ebenfalls zeitlos aktuell sind. Die Auseinandersetzungen zwischen der tradierten und einer neuen Kirchenlehre und die zaghaften Versuche, althergebrachte Prinzipien aufzulockern und zu modernisieren, komplettieren den vielschichtigen Diskurs, der in Shanleys Werk angesprochen wird. Ein spannendes und kurzweiliges intellektuelles Vergnügen. (5/6)
USA 2008 (Doubt) Regie und Buch: John Patrick Shanley. Musik: Howard Shore. Kamera: Roger Deakins. Schnitt: Dylan Tichenor. Produktion: Scott Rudin Productions. Mit: Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Viola Davis, Alice Drummond, Audrie J. Neenan, Joseph Foster. Disney. 104 Min. Ab 05.02.2009 im Kino.
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