Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra
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Auch italienische Killer stellen sich nicht vor. Schon gar nicht die eiskalten Jungs von der neapolitanischen Camorra. Man lernt sie erst kennen, wenn man just erschossen wird. So im Bestseller „Gomorrha– Reise in das Reich der Camorra“ vom Bestseller-Autor Roberto Saviano. Das Buch recherchierte mit der Präzision eines Schweizer Chronometers, wie sogar Kinder für den Drogenhandel missbraucht werden, wie mafiose Paten die Abfallwirtschaft „regeln“ oder die Textilindustrie übernehmen. Die Adaption von Matteo Garrone schockt und verurteilt den Betrachter gleichermaßen bis in die ohnmächtige Schweigsamkeit;, zu kühl und knallhart versachlicht diese analytische Filmstudie das schwarze Mafia-Universum.
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Kulisse des Films sind triste Beton-Silos, in und vor dem schmutzigen Neapel, jene Bau-Sünden aus den florierenden Siebzigern. Die beste Plattform, aus sozial Schwächsten potentielle Kriminelle zu produzieren. Alle arbeiten hier irgendwie für die Camorra, wie auch die „Alta Moda“: Italiens effektivster Import- und Exportschlager düngt dabei blutige Schlachtfelder: Über 10 000 Tote in 30 Jahren, dafür ein Handelsvolumen von über 150 Milliarden Euro jährlich. Die gedungenen Mörder liquidierten mehr Menschen als die IRA, ETA, islamische Terrorgruppen oder die kessen Kerlchen von der Cosa Nostra zusammen.
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Schon Teenager werden als Drogenkuriere angeheuert. „Jetzt bist du ein richtiger Mann“, lobt ein Mafia-Boss, nachdem er dem 12-Jährigen in der kugelsicheren Weste auf die Brust gefeuert hat. Den Bluterguß streichelt der Proband stolz wie einen just erhaltenen Orden. Halbwüchsige imitieren Al Pacino in „Scarface“, während sie mit ihren knarren jonglieren. In den Autos wummert laute neapolitanische Dorf-Disco-Musik um Liebe und Leid, im Haushaltsmixer wird Kokain gestreckt, zwischendurch jemand erledigt, während ausländische Schwarzarbeiter in ehemaligen Steinbrüchen Fässer mit Giftmüll lukrativ „entsorgen“. „Gomorrha“ ist der cinéastischer Zwitter aus italienischem Neorealismus und desolatem Sozialrealismus. Gleichzeitig ebenso eine schreckliche Topographie des Terrors, die Saviano zwei Jahre lang undercover bei der Mafia rechercjierte. Seither ist er weder allein noch einsam zu Hause – dafür sorgt ständiger Personenschutz nach unzähligen Morddrohungen.
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Ausgeliefert bleibt Italien dieser Organisation, die sich zwar gegen ihre russischen „Kollegen“ an Brutalität ausnehmen wie ein Mädchenpensionat, doch erhält der Betrachter harte Einblicke ins stringente System. Nichts bleibt dabei vorhersehbar, niemand weiß so recht, ob er nächstes Opfer einer „Italienischen Scheidung“, (einbetoniert zum Baden gehen), wird. In tragischen Takes der Erbärmlichkeit geraten Garrones Figuren in tödliche Fallen. So etwa zwei naive Jugendliche, die sich zu sehr eingemischt hatten. Sie werden in der Schlusssequenz erschossen, auf einem Schaufelbagger als Abfall „weggefahren“. „Gomorrha“ erhielt 2008 in Cannes den Großen Preis der Jury. Zu Recht, denn dieser Film brennt sich nachhaltig in Herz und Hirn ein.
Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »














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Freitag, 10 Oktober 2008 @ 3:14pm