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Seit zehn Jahren wohnt eine fünfköpfige Familie in ihrem Haus unmittelbar neben einer halb-fertiggestellten Autobahn. Als diese letztendlich wirklich in Betrieb genommen wird, verändern sich der Alltag und das Verhalten der Anwohner auf drastische Weise. Absurde Familienparabel.
Douglas Adams hat in seinem 1979 erschienenen Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ bereits den bürokratischen Ablauf eines solchen Akts des vermeintlichen Fortschritts parodiert: Dort war es gleich der gesamte Planet Erde, der dem Bau einer galaktischen Hyperraumumgehungsstraße weichen musste und deswegen kurzerhand in die Luft gesprengt wurde. Dem Haus der Familie in Ursula Meiers Langfilmdebüt geht es da schon besser – es darf stehen bleiben. Dass es dadurch aber seinen fünf Bewohnern nicht wirklich besser geht, versteht sich schon bald von selbst. Kurz nach Einweihung der neuen Strecke steigt das Verkehrsaufkommen rapide an. Der tägliche Weg zum Schulbus, den man bisher über die halb fertige Strecke bequem zurücklegen konnte, wird zunächst zur gefährlichen Mutprobe und kurz darauf gänzlich unmöglich. Die jüngere Tochter führt eine akribische Statistik über die vorbeibrausenden Kraftfahrzeuge und analysiert den Verschmutzungsgrad der angrenzenden Flora, zu der auch der familieneigene Gemüsegarten gehört. Die ältere Tochter indes zeigt sich gänzlich unbeeindruckt und sonnt sich auch weiterhin im Bikini auf dem Liegestuhl vor dem Haus, auch wenn die LKW-Fahrer deswegen in euphorische Hupkonzerte ausbrechen.
Am härtesten trifft es jedoch Mutter Marthe (Isabelle Huppert in einer typischen Rolle auf dem schmalen Grad zwischen Zerbrechlichkeit und aggressivem Wahnsinn), die das lieb gewonnene Heim einfach nicht verlassen möchte und mit den absurdesten Mitteln versucht, der nervliche Belastung durch die ununterbrochene Lärmbelästigung zu entgehen. Ursula Meier rückt die fünf Individuen mit ihren Problemen in den Mittelpunkt ihrer Erzählung, alles andere bleibt grob umrissener Hintergrund und wird nicht tiefer ausgelotet. Auf diese Weise kann sich die junge Filmemacherin voll und ganz auf die Befindlichkeit ihrer Protagonisten konzentrieren und exemplarisch aufzeigen, inwieweit sich deren Psyche und deren Verhaltensweisen verändern, nachdem ihre Privatsphäre derart vehement von außen bedroht wurde. Die Entwicklungen sind teilweise sehr realistisch und nachvollziehbar, ab dem letzten Drittel aber zunehmend absurd und unterliegen dann den verschrobenen Gesetzmäßigkeiten einer Parabel. Wenn man sich auf den eigenwilligen Erzählstil und den schwarzen Humor einlassen kann, der das Handeln der Figuren spätestens ab diesem Zeitpunkt bestimmt, dann wird man mit einem ungewöhnlichen, aber konsequent zu Ende erzählten Film belohnt, der als deutsche Produktion undenkbar wäre und stattdessen viel eher in der Tradition britischer Satiren steht, die heutzutage im Kino selten geworden sind. (4/6)
CH/F/B 2008. Regie und Buch: Ursula Meier. Buch: Antoine Jaccoud, Olivier Lorelle, Gilles Taurand, Raphaëlle Valbrune, Alice Winocour. Kamera: Agnès Godard. Schnitt: François Gédigier, Nelly Quettier, Susana Rossberg. Produktion: Box Productions, Archipel 35, Need Productions. Mit: Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaïde Leroux, Madeleine Budd, Kacey Mottet Klein. Arsenal. 97 Min. Ab 25.06.2009 im Kino.
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