Il Divo – Der Göttliche
Giulio Andreotti gelingt es nicht nur sieben Mal, italienischer Premierminister zu werden. Ihm werden auch diverse Verbrechen, u.a. eine Verbindung mit der Mafia, zur Last gelegt, doch bei seinen 29 Anklagen wird er auch 29 Mal freigesprochen. Italienische Politkarriere als Satire der Macht.
Im Bewusstsein der Deutschen dürfte Silvio Berlusconi mittlerweile die große Präsenz Giulio Andreottis seit den späten 1970er Jahren verdrängt haben. Nicht umsonst ist der italienische Ministerpräsident auch ein ausgefuchster Medienmogul, dem es stets gelungen ist, sich selbst ins beste Licht zu rücken. Genauso, wie Berlusconi mehrfach mit der Justiz in Konflikt geriet und stets als Sieger daraus hervorging, gelang es auch Andreotti in seiner langen Politkarriere, regelrecht immun zu werden gegen die vielfältigen Anschuldigungen, die teilweise in staatstragenden Dimensionen an ihn herangebracht wurden. Die Hassliebe des italienischen Volkes, anderer Politiker, Wirtschafts- oder Mafiabosse, die Andreotti entgegen schlugen, bildet den idealen Nährboden für ein Zeit- und Sittengemälde der italienischen Politik, dem man am besten mit einer gehörigen Portion Ironie entgegentritt, um an den zahlreichen ungesunden Verflechtungen nicht zu verzweifeln.
Auch Paolo Sorrentino hat sich bei seinem Versuch, der Person Giulio Andreottis nahe zu kommen, des Mittels der Ironie bedient und eine Politsatire geschaffen, die einem so manches Mal ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Der Premierminister, dessen ungesunde Körperhaltung ihm unter seinen zahlreichen Spitznamen auch „Der Bucklige“ eingebracht hatte, wird mit minimalistischem Minenspiel und einer herausragenden Grandezza von Toni Servillo („Gomorrha, Reise in das Reich der Camorra“) verkörpert, der dafür u.a. mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Mit seiner Hilfe und der eines durchweg überzeugenden Darstellerensembles gelingt es Sorrentino weitgehend, die komplexen Machtstrukturen und schier unendlichen Figurenkonstellationen für den Zuschauer nicht allzu sehr zur Bürde werden zu lassen. Wer sich nicht intensiv mit der italienischen Politik der vergangenen Jahrzehnte beschäftigt hat, wird schwerlich alles entschlüsseln können, was einem hier in stakkatohaftem Tempo an Namen, Zahlen und Fakten um die Ohren gehauen wird. Aber diese unglaubliche Rasanz, mit der sich Sorrentino an einem so trockenen Thema wie Politik zu schaffen macht, spiegelt sich auch in seiner visuellen Herangehensweise wider. Denn auf der optischen Ebene gibt es gleichfalls so manche ungewöhnliche Idee und originellen Ansatz zu bestaunen. Andreotti selbst ist über den Film verständlicherweise keinesfalls begeistert. Aber vielleicht versöhnt ihn ja ein Zitat seiner Mutter, das dem Film als Texttafel vorangestellt ist: „Wenn man nichts Gutes über einen Menschen erzählen kann, sollte man gar nicht über ihn sprechen.“ Bei „Il Divo“ jedenfalls wird Einiges über Andreotti berichtet. (4/6)
I/F 2008 (Il Divo) Regie und Buch: Paolo Sorrentino. Musik: Teho Teardo. Kamera: Luca Bigazzi. Schnitt: Cristiano Travaglioli. Produktion: Indigo Film, Lucky Red, Parco Film. Mit: Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Giulio Bosetti, Flavio Bucci, Carlo Buccirosso, Giorgio Colangeli, Fanny Ardant. Delphi. 110 Min. Ab 16.04.2009 im Kino.
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