Im Winter ein Jahr – Tote leben länger
Eliane Richter hat einen ungewöhnlichen Auftrag für den Maler Max: Sie möchte ein Porträt ihrer beiden Kinder, aber Alexander ist fast vor einem Jahr gestorben und Lilli sträubt sich zunächst gegen das morbide Unterfangen. Ihr toter Bruder scheint allgegenwärtig. Differenzierte Romanadaption.
Der Verlust des eigenen Kindes gehört sicherlich zu den schwersten Schicksalsschlägen, die man erdulden muss. Ein Weg, mit dieser Trauer klarzukommen, kann wie für die gut situierte Eliane Richter darin bestehen, den Verlust mit einem Kunstwerk zu kompensieren, das die Schönheit des verlorenen Kindes dauerhaft und überlebensgroß festhält. Deswegen bringt der eigenbrötlerische Maler Max Hollander auch gleich Verständnis für diese Entscheidung auf, das kann ein Weg sein, mit der Trauer zurechtzukommen, brummelt er vor sich hin. Max selbst hat sich mit einigen Gemälden umgeben, die Tote darstellen, und wie der Zuschauer im Laufe des Films feststellen wird, kompensieren seine Werke mehr als nur einen seiner eigenen persönlichen Verluste. Hierin liegt eine der zahlreichen Stärken von „Im Winter ein Jahr“, dem neuen Film der deutschen Oscar-Preisträgerin Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“). Er basiert auf dem Roman „Aftermath“ von Scott Campbell, der sich auf komplexe Weise mit Themen wie Verlust, Fragen der Schuld und Sprachlosigkeit auseinandersetzt.
Caroline Link hat den Roman zu einem ebenso vielschichtigen Familiendrama verdichtet, bei dem schnell klar wird, dass die meisten beteiligten Figuren von Selbstvorwürfen und nagender Trauer geplagt werden. Da sind die erfolgreichen, aber mittlerweile stark auseinander gelebten Eltern von Lilli und Alexander, die auf ihre ganz unterschiedlichen Weisen mit der Vergangenheit klarkommen möchten, dabei aber ihre eigene Rolle in der dramatischen Entwicklung verkennen. Auch Lilli hat ihr Bündel zu tragen und ist sich über ihre eigene Schuldfrage zumindest unterbewusst klarer als alle anderen. Karoline Herfurth macht aus der vielschichtigen Figur, die zwischen Stärke und Fragilität, zwischen Hochnäsig- und Liebenswürdigkeit pendelt, eine real greifbare und ungemein authentische Gestalt. Zweifellos die bislang beste Rolle der talentierten Nachwuchsschauspielerin. Und auch Josef Bierbichler, der in Filmen wie „Winterreise“ mit seiner Over-the-Top-Darstellung die Kritiker in zwei Lager spaltete, kann hier uneingeschränkt überzeugen, weil er sich angenehm zurückhält und die Zerrissenheit seiner Rolle glaubhaft machen kann. Denn auch der Maler, so erfahren wir in den intimen Innenansichten, die in den Dialogen mit seinem unfreiwilligen Model Lilli zu Tage treten, hat sich auf seine Weise mit Verlusten zu arrangieren gelernt und bekommt nun durch den frischen Wind in seinen Atelierräumen Lust, eingefahrene Verhaltensmuster neu zu überdenken. (5/6)
D/USA 2008. Regie und Buch: Caroline Link. Musik: Niki Reiser. Kamera: Bella Halben. Schnitt: Patricia Rommel. Produktion: Bavaria, Constantin. Mit: Karoline Herfurth, Josef Bierbichler, Corinna Harfouch, Hanns Zischler, Cyril Sjöström, Mišel Maticevic, Daniel Berini. Constantin. 129 Min. Ab 13. November 2008 im Kino.
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Dienstag, 20 Januar 2009 @ 12:17pm