It’s a Free World…
Weil sie die sexuellen Zudringlichkeiten ihres Chefs nicht tolerierte, ist Angie mal wieder arbeitslos geworden. Nun will sie sich als Arbeitsvermittlungsagentin selbständig machen. Dabei arbeitet sie mit ihrer Partnerin Rose aus Konkurrenzdruck bald auch illegal. Ungeschöntes Sozialporträt.
Es gibt Regisseure, auf die ist einfach Verlass. Immer dann, wenn ein neuer Film von ihnen ins Kino kommt, hat man schon eine ungefähre Vorstellung davon, was einen erwarten wird. Und dennoch ist das Ergebnis eigentlich nie langweilig, vor allen Dingen, weil die Filmemacher ihr Metier wie aus dem Effeff beherrschen. Woody Allen gehört seit etlichen Jahrzehnten zu diesen verlässlichen Größen, aber auch die Briten Mike Leigh und Ken Loach. Diese beiden haben sich schon in den 60er Jahren dem sozialen Realismus zugewandt und in ihrem durchweg sehenswerten Œuvre immer wieder neue Perlen hervorgebracht. Mike Leigh überraschte unlängst zur Abwechslung mal mit einer beschwingten Komödie („Happy Go Lucky“), Ken Loach bleibt mit „It’s a Free World…“ einmal mehr seiner grenzenlosen Leidenschaft für das authentische Geschichtenerzählen treu.
Nach seinem historischen Abriss in „The Wind That Shakes the Barley“ hat er sich hier abermals mit dem Drehbuchautor Paul Laverty zusammengetan. Dieses Mal erzählen die beiden allerdings eine Geschichte aus dem Hier und Heute, wie sie tagtäglich auf ähnliche Weise in ganz vielen Industrienationen spielen könnte. Im Zuge der Globalisierung haben sich die Weltmärkte geöffnet, doch hinsichtlich der Arbeitskräfte gibt es nach wie vor Beschränkungen. Nicht ohne weiteres erhalten Arbeiter fern ihrer oftmals osteuropäischen Heimat Aufenthalts- und somit Arbeitserlaubnisse. Die Grenze zwischen legalen und illegalen Methoden verläuft häufig fließend. Nachdem Loachs Protagonistin Angie (sehr überzeugend in ihrer Mischung aus kraftvoller Bodenständigkeit und gezieltem Einsatz ihrer weiblichen Reize: Kierston Wareing) unzählige Jobs drangeben musste, versucht sie es nun erstmals als Selbständige. Ihre beruflichen Erfahrungen sollen ihr Zugute kommen, gleichzeitig geht sie mit Herz und Leidenschaft an die Sache. Doch schon bald sieht sie sich gezwungen, sich nicht immer an die bestehenden Gesetze zu halten – Angie verändert sich. Einmal mehr hat Ken Loach genau hingeschaut, wie es in den sozialen Randgebieten der Großstädte (hier exemplarisch in London) heutzutage zugeht. Geld kumuliert sich bei denen, die es ohnehin schon im Überfluss haben, die weniger gut situierten müssen sich Ausbeutung gefallen lassen und dem Gesetz des Stärkeren unterordnen. Wie vielschichtig „It’s a Free World…“ geworden ist, erkennt man auch an dem Erzählstrang, der sich den Problemen Angies als allein erziehende Mutter widmet, was ihre Situation zusätzlich verschärft. Wie kann sie Arbeit und Erziehung unter einen Hut bringen, wie entkommt sie dem Teufelskreis? (5/6)
GB/I/D/E/PL 2007. Regie: Ken Loach. Buch: Paul Laverty. Musik: George Fenton. Kamera: Nigel Willoughby. Schnitt: Jonathan Morris. Produktion: BIM Distribuzione, EMC Produktion, Film Coop, Film4, Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, Pathé Distribution, Polish Film Institute, SPI International, Sixteen Films, Tornasol Films. Mit: Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet, Colin Coughlin, Maggie Hussey, Raymond Mearns. Neue Visionen. 92 Min. Ab 27. November 2008 im Kino.
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DigitalVD (Frank Brenner), 26.11.2008 | Loach-Journal zu dem Thema:
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