La Silence de Lorna
Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind sicherlich keine Anfänger, wenn es darum geht, den menschlichen Hades minutiös auszuleuchten und auszuloten. Sie schauen quasi voyeuristisch mit und analysieren unprätentiös wie analytisch, wie es um die humane Ethik bestellt ist. Nicht sonderlich gut, wie das prämierte Regie-Duo schon in ihrem Jugenddrama “L’Enfant” (The Child) von 2005 demonstrierten, indem sie einen jungen Kleinkriminellen mikroskopisch sezierten. Der verkaufte einfach das neugeborene Kind seiner Freundin, um Schulden zu begleichen…
Dieser beharrliche und darauf bestehende Blick auf Individuen in den Schattenseiten des Daseins beweisen die zweimaligen Goldne Palme –Gewinner auch hier: Um sich mit ihrem Freund den Aufbau einer bescheidenen Snackbar leisten zu können, mischt die in Belgien lebende Albanerin Lorna (Arta Dobroshi) in einem diabolischen Plan mit. Ein mafioser Kuppler (Frabrizion Rongione) führt sie einem Junkie (Jérémie Renier) zu, damit sie die belgische Staatsbürgerschaft erhält. Aber nur, um sie gleich an einen wohlhabenden Russen weiterzureichen, der wiedrum Lorna zum Schein heiraten soll. Natürlich flugs, nachdem der Junkie unfreiwillig an einer Überdosis das Zeitliche gesegnet hat. Doch dann bekommt die begehrte Lorna Gewissensbisse, wird sie das bösartige Spiel um Papiere und Papiergeld stillschweigend erdulden und still bleiben?
Eigentlich ein ebenso stiller Film, der mit lärmender Sprachlosigkeit wütet: Das hat bei den beiden Brüdern aus Lüttich Plan und Konzept. Schließlich wollen sie keine turbulenten dramatischen Wendungen erhellen, sondern dramatische innere Verletzungen fokussieren. Es geht vielmehr um das „wie“ als um das „was“. Wie reagieren ihre Figuren auf psychischen Härte-Druck und wie agieren sie mit den sich verändernden Lebenswelten? Diese Antiwelten der Looser und Lebensatheisten irritieren enorm, das ist jedoch die stets insistierende Filmphilosophie der Dardennschen Seelenseismographie Programm. Aber eines von allen Soßen der Effekthascherei entfettet, wie immer: Dreckige Dinge, wie die fingierte finale Dröhnung des Junkies werden schlichtweg umgangen. Weniger ist auch hier mehr, in einer brillanten elliptischen Filmform und in bester Tradition eines Robert Bressons oder Aki Kaurismäki.
Technisch wird dieses spartanische Verfahren unterstützt von einer 35mm-Kamera statt der kleineren und bequemeren 16mm wie in früheren Werken. Dadurch werden die Sequenzen ruhiger, eindringlicher.
Dieses Kino ist beängstigend und beunruhigend zugleich; es geht nicht um macht und Ohnmacht, Gewalt und Gegengewalt, sondern um „richtige“ Wahl und Entscheidung – entweder für oder gegen den Menschen, ein „Dazwischen“ existiert nicht. Gleichwohl vermeiden es die beiden, eindimensionale Kritik oder tragisches Selbstbemitleiden zu exponieren. Im Grund e ist jeder alleine, im Grunde ist jeder selbstverantwortlich. Jeder für sich, Gott gegen alle. Denn Lorna ist alles andere als eine Heilige, aber zumindest eine Frau mit Gewissen. Und das respektieren die Dardennes-Brüder auf ihre ganz spezifische Weise
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La Silence de Lorna wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »











