Mein Freund aus Faro – In fremder Haut
Melanie hat ein sehr burschikoses Auftreten. Als sie der jungen Jenny begegnet, glaubt diese, einen südländischen Jungen vor sich zu haben. Melanie geht auf das Spiel ein, weil sie sich in Jenny verliebt. Es kommt zu Problemen, weil Jenny minderjährig ist. Ambitioniertes Geschlechterspiel.
Angelina Maccarone steckte Jasmin Tabatabai 2005 im Film „Fremde Haut“ in eine Hosenrolle. Als lesbische Iranerin, die illegal an einem deutschen Flughafen festsitzt, nimmt sie darin aus der Not heraus die Rolle und Identität eines Mannes an, um der Abschiebung zu entgehen. In der Verkleidung verliebt sich dann eine Arbeitskollegin in sie, ohne zu wissen, dass hinter der Männerverkleidung eine Frau steckt. Nana Neul erzählt in ihrem Langfilmdebüt „Mein Freund aus Faro“ auch von einem Geschlechtertausch, der die nicht gerade ideale Ausgangssituation für eine lesbische Liebesgeschichte liefert, die gar nicht beiden Beteiligten als solche bewussst ist. Nicht aus der Not, sondern aus der Situation und den Umständen heraus beginnt ihre Protagonistin Melanie alias „Mel“ mit der Travestie, die sie im Laufe der Handlung in immer verwegenere Zwickmühlen bringt. Auch vor ihrem Vater, ihrem Bruder und dessen Verlobter zieht Mel eine Show ab: Sie engagiert einen portugiesischen Arbeitskollegen, der sich gegen Geld vor der Familie als ihr Freund „Miguel“ ausgibt. Und vor Jenny schlüpft Mel dann selbst in die Rolle des Portugiesen „Miguel“, was mehr und mehr Probleme mit sich bringt.
Für ein Regiedebüt ist Nana Neul ihr Spielfilm erstaunlich dicht und packend geraten, insbesondere die Schauspielerführung verdient ein gesondertes Lob. Die überaus talentierte Bühnen- und Fernsehschauspielerin Anjorka Strechel kann in der androgynen Rolle mit Fug und Recht als eine der großen Neuentdeckungen des Filmjahres 2008 gehandelt werden. Dennoch krankt „Mein Freund aus Faro“ unter ein paar typischen Debütwerkmankos. Der Inszenierungsstil ist nicht immer stringent, neben einem an sich eher klassischen Handlungsaufbau und konventionell angehauchten Bildern fallen einige experimentelle Einstellungen unangenehm aus der Reihe. Zudem ist der Film deutlich überfrachtet. Es geht nicht nur um den Geschlechtertausch und das damit verbundene Doppelspiel, den Selbstfindungsprozess einer jungen Frau und ihre erste Liebe, sondern zudem auch noch um die Beziehung zu einer Minderjährigen und die damit einhergehenden Vorwürfe der Kinderschändung. Gerade auf diesen letzten Aspekt hätte man gut und gerne verzichten können, zumal er der ohne diesen Zusatz genauso spannenden Hauptstoryline unnötig Wind aus den Segeln nimmt. Nichtsdestotrotz ist der Debütregisseurin ein fesselndes Liebesdrama gelungen, das nicht in Bedeutungsschwere versinkt und eine poetische, zu Herzen gehende Liebesgeschichte mit herausragenden Darstellern erzählt. (4/6)
D 2008. Regie und Buch: Nana Neul. Musik: Jörg Follert. Kamera: Leah Striker. Schnitt: Dora Vajda. Produktion: Wüste Film West, WDR. Mit: Anjorka Strechel, Lucie Hollmann, Manuel Cortez, Florian Panzner, Tilo Prückner, Isolda Dychauk, Kai Malina, Philipp Quest. Alpenrepublik. 87 Min. Ab 30. Oktober 2008 im Kino.
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