Milk mit Sean Penn
Harvey Milk hat in den 1970er Jahren einen Traum: Er möchte, dass sich keiner seiner sexuellen Identität zu schämen braucht und geht für die Rechte der Homosexuellen auf die Straße. Er kandidiert wiederholt für ein Amt im Stadtrat von San Francisco, was ihm nicht nur Freunde einbringt. Politisches Biopic.
Der Stoff scheint geradezu wie geschaffen für einen Filmemacher wie Gus Van Sant: Harvey Milk war der erste US-amerikanische Politiker, dem es als offen schwulem Mann gelang, ein wichtiges Amt durch Volksabstimmung zu erlangen. In der kurzen Zeit seiner Politkarriere schaffte er es darüber hinaus, eine Stimmmehrheit gegen die „Proposition 6“ auf die Beine zu stellen, laut derer es schwulen und lesbischen Lehrern verweigert worden wäre, ihren Beruf weiter auszuüben. Milk war also ein Mann, der keinen Hehl aus seinem Schwulsein machte und damit eine Vorreiterrolle in der Community einnimmt. Auch Gus Van Sant hat stets zu seiner Homosexualität gestanden und in seinen Filmen immer wieder Themen aufgegriffen, die Schwul- oder Lesbischsein direkt oder indirekt thematisierten. Milks Leben sollte schon seit Langem für ein Biopic adaptiert werden, eine sehenswerte Dokumentation wurde unter dem Titel „The Times of Harvey Milk“ bereits realisiert.
Und dennoch ist das Ergebnis der seit Langem unbefriedigendste Film Gus Van Sants geworden. In seinen letzten Arbeiten wie „Elephant“, „Last Days“ oder „Paranoid Park“ hatte er sich nicht mehr im Geringsten um Mainstreamtauglichkeit oder Marktwert geschert und filmische Visionen realisiert, die vor Einfallsreichtum und Nonkonformität strotzten. Gerade „Milk“ allerdings bedient größtenteils die Erwartungshaltungen an die filmische Rekonstruktion eines Prominentenlebens und hat demzufolge nicht viel zu bieten, was nicht schon Dutzende anderer Biopics abgearbeitet hätten. Sowohl der Aufbau als auch die Bebilderung der Lebensgeschichte steht in der Tradition filmischer Biografien. Doch immerhin ist es kein gewöhnliches Leben, dem sich Van Sant hier angenommen hat. Allein durch die Tatsache, dass einer der führenden Schwulenaktivisten im Zentrum seines Filmes steht, beschert ihm zumindest in Amerika nach wie vor den Ruf des Gewagten und Ungewöhnlichen. Gerade diese Tatsache spricht dafür, dass die Ideale, die Milk vor rund dreißig Jahren mit ungebrochener Vehemenz verfolgte, noch immer nicht im allgemeinen Bewusstsein angelangt sind und ihre Aktualität deswegen noch lange nicht verloren haben. Van Sant wollte mit diesem Film sicherlich mal wieder eine größere Öffentlichkeit erreichen als mit seinen kunstlastigen, sperrigen letzten Arbeiten. Dafür spricht allein schon die Tatsache, dass er mit Sean Penn einen veritablen Hollywoodstar für die Hauptrolle verpflichtet hat. Und genau diese Öffentlichkeit ist „Milk“ im Sinne des Lebenswerkes seiner Titelfigur nun auf jeden Fall zu wünschen. (4/6)
USA 2008. Regie: Gus Van Sant. Buch: Dustin Lance Black. Musik: Danny Elfman. Kamera: Harris Savides. Schnitt: Elliot Graham. Produktion: Axon Films, Groundswell Production, Jinks/Cohen Company. Mit: Sean Penn, Emile Hirsch, Josh Brolin, Diego Luna, James Franco, Alison Pill, Joseph Cross. Constantin. 128 Min. Ab 19.02.2009 im Kino.
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