O’ Horten
Odd Horten wird nach fast vierzig Arbeitsjahren als Lokführer pensioniert. Der allein lebende Endsechziger feiert mit seinen Kollegen, macht seltsame Bekanntschaften mit einem kleinen Jungen und einem trinkfreudigen Ex-Diplomaten und hängt seinen Träumen nach. Pointiert-lakonische Geschichte.
Bent Hamer konnte vor knapp fünf Jahren mit seiner ziemlich skurrilen Geschichte „Kitchen Stories“ internationale Erfolge feiern. Er zeigte seinem verdutzten Publikum, wie seine nordischen Landsmänner in den 50er Jahren Küchengewohnheiten aus allernächster Nähe unter die Lupe nahmen – und wie aus der anfänglichen Abneigung eines allein stehenden Mannes zu seinem ständigen Beobachter in der Küchenecke schließlich sogar eine Freundschaft erwuchs. Auch in Hamers neuem Film „O’Horten“ steht wieder solch ein kauziger Alter im Mittelpunkt, der sich sein monotones Leben in der einsamen Gesellschaft seines Wellensittichs eingerichtet hat und nun am Ende seines Arbeitslebens vor die Herausforderung gestellt wird, was er nun mit seiner Zeit anfangen kann. Hamer folgt den seltsamen Begegnungen Hortens mit unaufgeregter Gelassenheit, wie wir das aus vielen skandinavischen Filmen bereits kennen. Ähnlich wie sein schwedischer Kollege Roy Andersson begnügt sich auch Hamer mit langen, statischen Einstellungen, die aufgrund der Wortkargheit sämtlicher Beteiligter zum Beobachten und Entdecken einladen. Die nordische Lethargie der Figuren spiegelt sich auch im Erzählrhythmus des Films wieder, auf den man sich unbedingt einlassen sollte.
Dann wird man belohnt mit herausragenden visuellen Schmankerln, denn jeder der Szenenentwürfe scheint bis in die kleinsten Details penibel durchkomponiert zu sein und bietet jeweils eine lohnende Entdeckungsreise für die Augen und das Gehirn. Episodenhaft werden die Zufallsbekanntschaften des Ex-Lokführers aneinandergereiht, ergeben dadurch eher ein vielschichtiges Porträt als eine stringente Handlung. Immer wieder enden die Begegnungen mit unvorhersehbaren Knalleffekten, die Hamer aber denkbar beiläufig in Szene gesetzt hat und die von seinem Protagonisten Horten ähnlich lakonisch hingenommen werden. BÃ¥rd Owe ist die Idealbesetzung für diesen vom Leben gezeichneten, ziemlich abgestumpften Pensionär, dessen faltigem Gesicht sich mal gezwungenermaßen, mal mit echter Überzeugung ein Lächeln entlocken lässt, das dann auch auf den Zuschauer ansteckend wirkt. Viele der Alltags- und Situationsgags, mit denen Bent Hamer darüber hinaus aufwarten kann, laufen im Bildhintergrund ab oder passieren so beiläufig, dass sich ihre Wirkung umso fulminanter entwickelt, wenn man sich ihrer gewahr geworden ist. Zusammen mit dem poetischen Ansatz, dass es auch im Alter noch nicht zu spät dafür ist, seine Träume in Erfüllung gehen zu lassen, entfaltet Hamers fünfter Spielfilm eine lebensbejahende, aufrichtig sympathische Stimmung. (5/6)
N/D/F 2007. Regie und Buch: Bent Hamer. Musik: John Erik Kaada. Kamera: John Christian Rosenlund. Schnitt: Pål Gengenbach. Produktion: Bulbul Films, Pandora Filmproduktion, Arte France Cinéma. Mit: Bård Owe, Espen Skjønberg, Ghita Nørby, Henny Moan, Bjørn Floberg, Kai Remlov, Peder Anders Lohne Hamer. Pandora. 90 Min. Ab 18. Dezember 2008 im Kino.
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Dienstag, 9 Dezember 2008 @ 12:08pm