She, a Chinese – Drama
Mei (Huang Lu) ist nicht glücklich mit ihrem Leben in der chinesischen Provinz. Es zieht sie in die Stadt, wo es aufregendere Dinge zu erleben gibt. Ihre Freundschaft mit einem Gangster ermöglicht ihr schließlich den Sprung nach London, wo aber auch Probleme auf sie warten. Trotz der exotischen Umgebung und der asiatischen Schauspieler kann man sich in den ersten Filmminuten des Eindrucks nicht so recht erwehren, man hätte es hier mit einem Film der Berliner Schule zu tun. Dieser Eindruck entsteht dadurch, dass denkbar wenig passiert, die Kamera stattdessen draufhält und das einfängt, was sich gerade so Alltägliches im Leben der Protagonistin abzuspielen scheint. Wir beobachten Mei bei der Aufsicht auf Billardtische, der einzigen Freizeitmöglichkeit in ihrem rückständigen Dorf. Dann lackiert sie sich die Fußnägel, während sich ihre Mutter über die Faulheit der Tochter echauffiert und sie anhält, ihr endlich mit der Hausarbeit zu helfen. Fast ebenso peripher werden viel bedeutendere Zwischenfälle geschildert, wie z.B. die Vergewaltigung durch einen klobigen Lastwagenfahrer. Diese Beiläufigkeit ist Stilmittel der chinesischen Regisseurin Guo Xiaolu, die durch ihre dokumentarischen Arbeiten offensichtlich gewohnt ist, kommentarlos zu beobachten anstatt detailliert zu erklären. Wir folgen der lakonischen Hauptfigur auf ihrer Reise zu mehr Selbstbestimmung, zu einem aufregenderen Leben, zuerst in die nächstgrößere Stadt, dann schließlich sogar nach London, wo sie als Touristin ankommt und als Illegale dableibt.
Guo hat ihren Film in sechzehn Kapitel untergliedert, die in ihren teilweise sehr poetischen Überschriften zusammenfassen, was darin wieder Unglaubliches passiert. Denn Meis Initiationsreise ist ereignisreich und dramatisch, auch wenn der ruhige Erzählfluss und die unaufgeregte Inszenierung das Gegenteil vermuten ließen. Diese Untergliederung verhackstückelt den Film ein wenig, was im Laufe der Zeit dazu beiträgt, dass sich Langeweile einstellt. Andererseits ermöglicht es die Aufgliederung der Geschichte in einzelne Episoden, um zusammenzubringen, was ansonsten nur schwerlich mehr wäre als eine Abfolge kurzer Ereignisse. Meis Entwicklung folgt weitgehend den stereotypen Vorstellungen, die von asiatischen Mädchen aus der Provinz in den Medien kursieren. In der Großstadt verkauft sie sich, um sich über Wasser zu halten. Sie lässt sich mit einem Gangster ein, dessen Geld ihr die Flucht in den Westen ermöglicht. In London schließlich wird sie zur Frau eines deutlich älteren Mannes, um an die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung zu kommen. Trotz all dieser Klischees gelingt es der Regisseurin, einen neuen Blick auf diese altbekannte Geschichte zu lenken. Denn sie moralisiert nicht, prangert den unsittlichen Lebensstil ihrer Heldin nicht an, sondern bildet auch hier wieder nur ab. Bei einem aufgeschlossenen Zuschauer regt dadurch am Ende die stoische Gelassenheit, mit der Mei auf die großen Schicksalsschläge reagiert, die ihr permanent widerfahren, vielleicht gerade eine intensivere Auseinandersetzung mit der Problematik an.
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